Aust-Nachfolge : Der Spiegel: Kopflos

Nach Klebers Absage muss sich der "Spiegel“ erneut auf Chef-Suche begeben. Die Geschäftsführung gibt sich gelassen - als wären keine Fehler gemacht worden.

Markus Ehrenberg,Sonja Pohlmann
Aust
Er führt und führt. Kann Stefan Aust am Ende selbst seinen Nachfolger suchen? -Foto: dpa

        Einen Tag nach der unerwarteten Absage von Claus Kleber ist das Rätselraten über die potenzielle Nachfolge von „Spiegel“-Chef Stefan Aust größer denn je, auch wenn nach außen hin Gelassenheit verordnet wurde. Beim Spiegel-Verlag werde weiter nach einem Chefredakteur gesucht, heißt es, „ohne Zeitdruck und in Ruhe“. Der Minderheitsgesellschafter Gruner + Jahr (G+J) ist zuversichtlich, „im Januar eine tragfähige Lösung“ präsentieren zu können. Das klingt versöhnlich. Als ob keine Fehler gemacht worden seien. Fakt ist: Das Angebot an Claus Kleber, Leiter und Moderator des ZDF-„heute-journals“, ging ins Leere.

Neue Namen für die Spitze an der Hamburger Brandstwiete werden deswegen erst mal gar nicht oder nur sehr schwerfällig ins Spiel gebracht. Dafür rücken bekannte Namen ins Licht. Wegen des angerichteten Chaos beim „Spiegel“ wird schon der Rücktritt von Verlagsgeschäftsführer Mario Frank gefordert.

Michael Jürgs, Ex-Chefredakteur von „Stern“ und „Tempo“, spricht von „mutwilliger Beschädigung der Marke ,Spiegel’ durch Geschäftsführung und Mitarbeiter KG“, die sich „dilettantisch verhalten“ hätten. „Die Vertreter der Mitarbeiter KG sollten den sofortigen Rücktritt von Mario Frank fordern und anschließend selbst zurücktreten.“ Es sollten Neuwahlen stattfinden und die gewählten neuen Vertreter der Mitarbeiter KG Stefan Aust bitten, seinen Vertrag bis Ende 2008 zu erfüllen, damit dieser in Ruhe einen Nachfolger für sich selbst finden könnte.

Mitarbeiter KG ist in Personalfragen ungeübt

Das ist auch nach Ansicht von Adolf Theobald, bis 1991 Geschäftsführer des „Spiegel“, die beste Lösung. Die Mitarbeiter KG sei in Personalfragen zu ungeübt. Der „Spiegel“ befindet sich in einer historischen Situation: „Zum ersten Mal in der deutschen Pressegeschichte bestimmt schließlich eine Redaktion darüber, wer ihr Herr werden soll. Ich bin gespannt, wie das Experiment ausgeht“, sagte Augstein-Biograf Peter Merseburger im Fachblatt „Medium Magazin“.

Die Sehnsucht der Mitarbeiter nach einem „netten“ Chef ist für Theobald falsch. „Der ,Spiegel’ ist erst durch die unbequeme Art von Chefredakteuren wie Augstein, Funk und Aust so groß geworden und geblieben. Sie haben von den Mitarbeitern enorm viel verlangt, nur so kann das Blatt seine Qualität halten“, sagte Theobald dem Tagesspiegel. Der neue Chefredakteur müsse auch „handwerklich“ geschickt sein, Text und Optik optimal mischen, den richtigen Titel zur richtigen Zeit lancieren. „Weder die Gesellschafter Gruner + Jahr noch Geschäftsführer Mario Frank haben Erfahrung darin, wie man ein politisches Nachrichtenmagazin macht.“ Theobald plädiert für einen Nachfolger aus dem Haus. Beispielsweise Martin Doerry, derzeit „Vize“ des Magazins, Spiegel-Online-Chef Mathias Müller von Blumencron oder Gabor Steingart, Korrespondent in Washington. Steingart gilt als hervorragender Blattmacher mit einem guten Gespür für Themen und Titel, wird aber von vielen Mitarbeitern nicht gemocht. Im März hatte er bei den Wahlen zur Geschäftsführung der Mitarbeiter KG eine Niederlage erlitten.

Unterdessen hat Claus Kleber nach seiner Entscheidung gegen die Übernahme der „Spiegel“-Chefredaktion für das „heute-journal“ äußere und inhaltliche Änderungen angekündigt. Der Spielraum der Redaktion werde größer. Seine Gespräche mit dem „Spiegel“ bezeichnete Kleber als sehr ernsthaft und professionell. Bei einem mehrstündigen Treffen mit Eigentümern und Geschäftsführung habe er seine Vorstellungen über die Gestaltung des Magazins ungeschminkt vorgetragen. „Hinterher habe ich gedacht: Denen hast du verdammt viel zugemutet.“ Dies hätten seine Gesprächspartner, die er als eine „integre, professionelle Truppe“ erlebt habe, offensichtlich auch von ihm erwartet. Trotzdem habe ihn die Entscheidung der Eigentümer für ihn ein wenig überrascht. Dies gelte auch für die Indiskretion, durch die sie an die Öffentlichkeit kam – „zu einem Zeitpunkt, der dem ,Spiegel’ schadet“. Nach dem Angebot des „Spiegel“ hatte das ZDF erklärt, Kleber halten zu wollen. Nach ausführlichen Gesprächen mit Schächter und Brender entschied sich der Moderator am Mittwoch, nicht nach Hamburg zu wechseln.  

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben