Medien : Ausverkauf ins Ausland

Paradoxes Kartellrecht: Warum nur ausländische Investoren für den Kauf der großen niederländischen Zeitungen in Frage kommen

Klaus Bachmann[Brüssel]

Jan Houwert, Vorstandschef der Verlagsgruppe Wegener, des größten Herausgebers regionaler und lokaler Zeitungen in den Niederlanden, versteht seine Landsleute nicht mehr. Die Linksliberalen haben sogar schon eine Parlamentsdebatte beantragt. Denn die größten und renommiertesten Tageszeitungen des Landes – von der linken „Volkskrant“ bis zum liberalen „NRC Handelsblad“, dem „Allgemeen Dagblad“ und der katholischen „Trouw“ – gehören womöglich bald Ausländern. Ausverkaufsängste kursieren wieder, schrieb „Trouw“, wie beim Verkauf der KLM an Air France, als sich die Kolumnisten und Politiker die Köpfe heiß redeten über die drohende Romanisierung der Firma und die „nationalen Interessen“, die die Franzosen über die mehrheitlich staatliche Air France in Holland durchsetzen könnten.

Paradoxerweise erfolgt der befürchtete Kahlschlag in der niederländischen Presse ausgerechnet auf Grund einer Konstruktion, die entwickelt wurde, um die Unabhängigkeit der Zeitungen zu schützen. Um Hollands größte Untergrundzeitschrift unter der deutschen Besatzung, „Het Parool“ nach dem Krieg legal herauszugeben, wurde 1945 die gleichnamige Stiftung gegründet. Die fusionierte später mit anderen Verlagen, übernahm einen großen Schulbuchverlag und nennt sich seit einigen Jahren PCM Herausgeber. Größte Anteilseigner sind Pressestiftungen, die wiederum die inhaltliche Unabhängigkeit der Zeitungen vom Herausgeber sicherstellen sollen. Doch als 1995 PCM-Vorläufer Perscombinatie das „NRC Handelsblad“ und das „Allgemeen Dagblad“ von der „Nederlandse Dagbladunie“ übernahm, zahlte er mit einem Kredit von drei großen Banken und Versicherungen, die zugleich Minderheitenanteile übernahmen. Inzwischen macht PCM mit dem Zeitungsgeschäft Verluste, muss aber weiter den Finanziers von damals die Schulden abstottern. Die wollen ihre Anteile verkaufen, PCM dagegen braucht Geld, um das gewinnbringende Geschäft mit Schulbüchern auszubauen. Also steht nun der Mehrheitsanteil an PCM zum Verkauf. Von einem niederländischen Zeitungsverlag kann der nicht übernommen werden – das dann entstehende Monopol würde vom holländischen Kartellamt verhindert. So bleiben nur ausländische Interessenten: Britische und US-Investmentfonds und Schibsted, ein norwegischer Verlagskonzern.

Politiker wie der linksliberale Fraktionschef Boris Dittrich befürchten, die Investmentfonds würden den Konzern in seine Einzelteile zerlegen und an den Meistbietenden verkaufen. Das böte wenigstens noch die Chance, dass einige der renommierten Zeitungen in niederländischer Hand blieben. An denen ist die Konkurrenz interessiert. Doch der Verlag der erfolgreichsten Boulevardzeitung „de Telegraaf“ kann derzeit nicht mitbieten, weil die einzelnen Titel gar nicht zum Verkauf stehen, sondern nur die Mehrheitsanteile am Gesamtkonzern. Das wäre nach einer Aufspaltung anders, doch die kostet Arbeitsplätze und der Gewinn aus der Transaktion verschwände dann im Ausland. Dittrich will deshalb, dass die Regierung die Angelegenheit zur Chefsache macht und hat eine Parlamentsdebatte über den Ausverkauf von PCM beantragt. Auch vor der Alternative, einem Verkauf ans Ausland, graut es vielen Kommentatoren: Man habe ja gesehen, wie Rupert Murdoch die Londoner „Times“ in ein Kampfblatt zur Wiederwahl Maggie Thatchers verwandelt habe. Die einzige Aussicht auf Rettung kommt da ausgerechnet aus dem Süden. Im kleinen, von den Niederländern so oft belächelten Belgien sitzt nämlich die flämische Persgroep. Die hat bereits die Amsterdamer Zeitung „Het Parool“ gerettet und verwaltet sie seither zur Zufriedenheit der Belegschaft. Nur ist die Persgroep halb so groß wie PCM. Wie „de Volkskrant“ berichtet, sollen die Flamen deshalb eine Fusion vorgeschlagen haben, unter Einschluss von „Het Parool“. Dann würden die niederländischen Blätter ausgerechnet von den kleinen Brüdern gerettet, über die sie sich in den Kommentarspalten so gerne lustig machen.

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