Medien : Auswandern

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Montag um die Mittagszeit im Flughafen Frankfurt zufällig den alten Freund G. getroffen. Er war furchtbar in Rage. Seit Stunden habe er schon Aufenthalt, überall stünden Fernseher und zeigten Börsenkurse. Wenn G. sich nach einer Fußballübertragung erkundige, werde er angeschaut wie ein Trottel. Vor Wut habe er schon zwei Weizenbier (Hefe hell) getrunken.

Da stand G. nun am Schalter A 20 und rief pathetisch: „Ja, in was für einem Land leben wir denn?!“

Zum besseren Verständnis muss man wissen, G. ist Schwede mit deutschem Pass und einer argentinischen Frau. Er ist ein bisschen fußballverrückt. Zudem kam er gerade aus Montevideo. Dort, so G., stehe derzeit das Leben still. Tags, nachts, zu jeder Stunde würden in Uruguay alle Fußball gucken, „scheiß auf die Arbeit!“, überall stünden TV-Geräte. Und nun, da zu dieser Sekunde Brasilien spiele, „Brasilien!“, werde er im Frankfurter Flughafen mit Börsenkursen gefoltert.

Ach, Deutschland. Dreimal Weltmeister, und heute ein Opfer von Ignoranz & Leo Kirch.

Man musste sich in den vergangenen Tagen nur mal in New York umschauen, wo sonst Puck und Baseball fliegen. Der Sender ESPN überträgt Fußball, so viel, dass Football-Fans mit Auswanderung drohen. Auf dem Sender G laufen andauernd Wiederholungen mit spanischem Kommentar. Der Brezelhändler am Times Square, ein Latino, hatte sich sein Miniradio ans Ohr gebacken. Im „Tavern on Jane“, einem Pub im Greenwich Village, hocken alle am Tresen und gucken auf die Fernseher. Rechts der Franzose murmelte „Oioioioioi, Sénégal“. Der Barkeeper schwörte, früher seien Fußballsendungen in dieser Kneipe undenkbar gewesen.

In Chinatown lagen Zeitungen aus mit hübschen Schriftzeichen und den unübersehbaren Zahlen 8 und 0.

Mein alter Freund G., übrigens, denkt an Auswanderung.Norbert Thomma

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