Authenzität : Tokio am Laptop

Die vermutlich erste Skype-Dokumentation ergänzt die Katastrophen-Bilder aus Japan. Einen Korrespondentenbericht kann sie nicht ersetzen.

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„Das Ende der Welt.“ Eine Japanerin erinnert sich vor der Laptop-Kamera. Foto: ZDF
„Das Ende der Welt.“ Eine Japanerin erinnert sich vor der Laptop-Kamera. Foto: ZDF

War da was? Die Folgen der Tsunami- und Reaktorkatastrophe in Japan von Anfang März hatten es in den vergangenen Tagen kaum noch in die „Tagesschau“ geschafft. Die Welt dreht sich weiter, mit weiteren Naturkatastrophen, Parteitagen, Terror, Erschießungen. Bis am vergangenen Wochenende bekannt wurde, dass ein erster Mitarbeiter der Betreiberfirma bei den Arbeiten im AKW offenbar vor Erschöpfung starb. Das Leben und Weiterleben in Tokio, in Fukushima – Zeit für Dokumentaristen, Zeit für Langzeit-Reportagen. Oder auch für das ungewöhnliche Fernsehprojekt „My Tsunami – Die Katastrophe via Skype“ der Filmemacher Stephan Lamby und Ada Teistung, in dem Augenzeugen via Internet-Video-Telefon erzählen, was sie an jenem 11. März und den Tagen danach erlebten, sahen, dachten, fühlten.

Das ist bekannt: Viele Tausend Menschen wurden durch das Erdbeben und den Tsunami getötet, andere werden an den Langzeitfolgen des nuklearen GAUs von Fukushima zu leiden haben. Viele Menschen haben überlebt, obwohl sie vom Erdbeben und Tsunami betroffen waren. Sie durchleiden eine Zeit zwischen Angst und Hoffnung. Von ihnen hatte man in den Medien weniger gehört.

Wo war ich, als die Fluten kamen? Soll ich wegen der nuklearen Gefahr nahe Tokio bleiben oder gehen? Das fragen sich ein Lehrer, Schüler, Studenten, eine Kreativ-Direktorin, ein Matrose oder eine Mutter und Tochter mit geradem Blick in den Laptop, in die Skype-Telefonübertragung. „Ich hörte die Alarmanlagen der Autos“, „ich dachte, das ist das Ende der Welt“, „wir kletterten auf eine Klimaanlage“, diese Aussagen sind, geschnitten mit den größtenteils bekannten Bildern von überschwemmten Städten und Reaktorunfällen, über 45 Minuten aber dann doch leicht ermüdend. Ein paar Bilder überraschen, die Panik bei einem Besuch in Disneyland oder die Überlebensvorsorge einer Familie in Tokio. Bei allen Ängsten und Hoffnungen – da fügt die Form der Videotelefonie der Chronik der Ereignisse kaum wesentlich Neues hinzu. Authentizität ist nicht alles.

Ungewöhnlich offen sollte vor der Laptop-Kamera über Gefühle und den Umgang mit der Katastrophe gesprochen werden. Der Sender rühmt sich mit der „vermutlich ersten Skype-Dokumentation überhaupt“ und bringt das Ganze im Digitalkanal. Einen umfassenden Korrespondenten-Bericht über die erschreckenden Arbeitsbedingungen in den Fukushima-Akws, wie ihn der ARD-„Weltspiegel“ am Sonntag gezeigt hat, kann so eine Art Dokumentation nicht ersetzen, nur ergänzen.Markus Ehrenberg

„My Tsunami – Die Katastrophe via Skype“, ZDFinfokanal, 21 Uhr

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