Medien : Bachs Friseur

Götz Alsmann versucht eine musikalische Talkshow

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Mit Klassiksendungen im Fernsehen ist es so wie mit Weihnachtsgeschenken – gut gemeint, oft daneben. Das Publikum wäre ja da: In Deutschland soll es rund eine Million Klavierspieler geben. Und der Rest? Wer nicht weiß, welche Tonart mit vier b gespielt wird, schaltet den Kasten eh’ meistens ab. Andere warten mit Thomas Gottschalk auf die „Drei Tenöre“, wenige gehen lieber gleich in die Oper. TV-Allzweckwaffe Götz Alsmann versucht es immer wieder mal mit gehobener Musik und eigener Show, eher durchwachsen zuletzt beim ZDF („Eine große Nachtmusik“). Am liebsten sieht man den Moderator immer noch bei „Zimmer frei!“, und allzu weit ist die musikalische Talkshow „Einfach Alsmann“ davon auch nicht entfernt, Gott sei dank.

Für das Konzept musste der WDR sicherlich nicht in Klausur gehen. Harald Schmidt, Barbara Schöneberger, Nina Petri, drei eloquente Promis über ihre ersten Versuche am Instrument, über strenge Eltern und Klavierlehrerinnen, unter anderem aus Siebenbürgen, über die alles entscheidende Frage, wie sexy Klaviervorspielen ist, und am Ende zusammen mit Alsmann eine Liveschallplatteneinspielung als „Welt-Uraufführung der Woche“. Macht 60 lockere, gut gelaunte Minuten, selbst für Leute, die es sonst eher mit Robbie Williams als mit Bach halten. Apropos, wer hätte das gewusst? Schauspielerin Nina Petri ist eine direkte Verwandte von Johann Sebastian Bach, Frau Schöneberger singt ausgezeichnet, Schmidt war kein Messdiener, sondern Hilfsorganist. Bei diesem Mix kann nicht viel schief gehen. Und allzu selten hat man Harald Schmidt in letzter Zeit so lustig-launig gesehen wie hier als Gast bei Alsmann.

So plaudert, witzelt und musiziert es auf der Ledercouch entspannt vor sich hin. Alsmanns abwesende „Zimmer-frei“-Co-Moderatorin kommt auch vor („Ich habe immer gesagt, dass jeder auf der Welt Musik machen kann, jeder, außer Christine Westermann“), und irgendwann, kurz vor Schluss, denkt man an „Erkennen Sie die Melodie?“, daran, dass Alsmann eigentlich der legitime Nachfolger Ernst Stankovskis ist. Der hat in den 70er Jahren die letzte lang laufende Klassik-Fernsehshow moderiert, ebenso charmant und elegant. Stankovski war allerdings gelernter Friseur, Alsmann Musikwissenschaftler. meh

„Einfach Alsmann“, WDR, 22 Uhr 40, weitere Folgen am 30.12. und 6.1.2007

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