Medien : Bahnstrecken

Uta-Maria Heim

Beim Sender Freies Berlin hat’s angefangen: Dort hat man nach der Wende die ersten S-Bahnfahrten auf die Nachtschiene geschoben. Rasch wurden die „Führerstandsmitfahrten“, die in der Sendepause kreuz und quer durch Berlin führten, zum Kultprogramm. Zusammen mit der BVG hat der SFB einige Streckenmitschnitte auf Video angeboten und einige hunderttausend Stück verkauft.

Mitte der 90er Jahre konnte man auf B1 nächtelang mit S-, U- oder Regionalbahn durch Berlin und sein Umland surfen. Die ARD griff die Idee auf, zeigte anstelle des Testbilds erst „Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands“ und weitete die Reihe dann auf ganz Europa aus. Daraus wurde eine Art Endlosschleife. Es gibt diese „Bahnstrecken“ bis heute. Im Augenblick führen sie mal wieder durch die Schweiz.

Aus der Sicht des Triebfahrzeugführers erleben wir gegen halb fünf in der Früh, wie sanft der Zug von St. Moritz nach Alp Grüm schleicht. Die Berge sind erhaben, die rasanten Kurven und die klammen Täler beeindrucken durch ihre krude Unerreichbarkeit. Trotzdem ist diese Serie kein Kult mehr, sondern nur noch ein Puffer zwischen Spätprogramm und „Tagesschau“.

Längst hat der Quotenkampf die Nachtstunden erobert: Schon vor über fünf Jahren haben die meditativen Führerstandsmitfahrten Zuschaueranteile eingebüßt. Der Typ des Rund-um-die-Uhr-Konsumenten wurde entdeckt. Seitdem hält im gesamten Nachtprogramm die Tagwelt Einzug.

Wer nachts den Bildschirm anmacht, kriegt inzwischen das quietschbunte Nachmittagsprogramm serviert. Er soll nämlich auf keinen Fall merken, dass außer ihm alles schläft, weil ihn das womöglich am Dranbleiben hindert. Und da sind wir dann wieder bei der Bahn: Im Fernsehen wird die Nacht zum Tag, und bei der Deutschen Bahn können Sie sich ihre Preise selber machen.

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