Medien : Balsam für die arabische Seele

Was Al Manar, der Fernsehsender der radikalen Hisbollah-Bewegung, für Europa ausstrahlt

Andrea Nüsse[Kairo]

Alle Welt spricht von den großen arabischen Info-Sendern Al Dschasira und Al Arabija. Doch unbemerkt ist auch die Satellitenausgabe des libanesischen Senders Al Manar (Der Leuchtturm), einem inoffiziellen Ableger der Hisbollah-Bewegung, zu einem beliebten Fernsehsender aufgestiegen. Die französischen Medienbehörden haben gerade beschlossen, dass der Sender auch weiterhin über den Satelliten Eutelsat in Europa ausstrahlen darf. Allerdings musste der Sender sich verpflichten, auf Aufrufe zum Hass oder zur Gewalt zu verzichten. Al Manar war in die Kritik der französischen Medienaufsicht geraten, nachdem er im Ramadan 2003 eine syrische Kurzserie über die Entstehung des Nahostproblems gezeigt hatte, in der von einer jüdischen Weltverschwörung die Rede war. Der Anwalt des Senders räumte bei den Verhandlungen in Paris ein, dass die Serie „Diaspora“ „inakzeptabel“ gewesen sei.

Die Serie war sicher kein Ausrutscher des Senders, der in einem sechsstöckigen umgebauten Wohnhaus in einem schiitischen Vorort Beiruts untergebracht ist. Al Manar will laut seiner Internetseite „reflektieren, was jeder einzelne Muslim denkt und fühlt“. Gegründet wurde der Sender 1991 als Propagandaorgan der Hisbollah, einer schiitischen Bewegung, die in Libanon über einen politischen, einen karitativen und einen militärischen Arm verfügt. Ihr Ziel ist der Aufbau einer islamischen Gesellschaft und die Befreiung der von Israel besetzten Gebiete. So hat der Sender mehrere Gesichter: Er bietet biedere Unterhaltung für die muslimische Familie, alle Moderatorinnen und Nachrichtensprecherinnen tragen Kopftuch. Zu romantischen Bildern von Wasserfällen werden Koranverse gelesen.

Die Palästina-Frage und der Widerstand in den besetzten Gebieten sind heute das Thema Nummer eins in den Nachrichten- und Debattensendungen, gefolgt von Irak. Da man den schiitischen Autoritäten in Irak folgt, hat der Sender allerdings keine eindeutige Haltung zu den (sunnitischen) Aufständischen im Irak. So verurteilte der irakische Großayatollah Ali Sistani die jüngste Offensive gegen Falludscha nicht ausdrücklich, und der Sender mogelt sich bei der Frage durch.

Der französische Experte für arabische Medien, Franck Mermier, bezeichnet die Funktion des Senders als „Katharsis“ oder „Balsam für die Seele“ der arabischen Bevölkerungen: Die Bilder von verletzten israelischen Soldaten zeigen die arabische Seite einmal nicht schwach, sondern stark. Gleichzeitig findet man bei Al Manar eine überraschende Offenheit: Es gibt eine israelische Presseschau, kritische Kommentatoren und Gesprächsparner fast aller Konfessionen werden in Talkshows eingeladen.

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