Banken-Thriller mit Julia Koschitz : Glück aus Glas

Von der gegenseitigen Zuneigung der Geldsklaven: Julia Koschitz und Jürgen Vogel in einem kinoreifen Bankenthriller im ZDF.

Nikolaus von Festenberg
Der Ex-Lover hilft. Elena (Julia Koschitz) und Marc (Jürgen Vogel) erhoffen sich durch nächtliches Spionieren in der Bank Einblicke in Ahrends’ Daten.
Der Ex-Lover hilft. Elena (Julia Koschitz) und Marc (Jürgen Vogel) erhoffen sich durch nächtliches Spionieren in der Bank...Foto: ZDF und Martin Valentin Menke

Durch Glas fließt das Licht, durch Glas können die Augen blicken. Durch Glas dringt die Welt herein, der Baustoff vermittelt den Anschein von Freiheit und Offenheit. Dem Film „Vertraue mir“ aber gelingt es, dem Kultmaterial der Moderne eine völlig neue Bedeutung zu geben. Glas wird im Film zum Symbol der Unfreiheit, zu einem tückischen Material, das Menschen in durchsichtige Verließe sperrt und sie so auf elegante Weise der Kontrolle aussetzt. Da sitzen sie dann, die Sklaven des Geldes und der Karriere. Sie telefonieren oder hämmern auf Laptop-Tastaturen. Alle können zusehen. „Vertraue mir“ findet ironische Bilder für den Geist der Unterwerfung.

Die Story von der ehrgeizigen Investmentbankerin Elena (Julia Koschitz), dem frisch entlassenen EDV-Chef und Ex-Lover (Jürgen Vogel), von Vertrauen und dessen Entzug durch den Chef (August Zirner) ist nicht zufällig in dem gezeigten Glaskasten gelandet. Hier hat ein Filmteam nicht bloß einer Story einen szenischen Rahmen gegeben.

Hier mischen die Bilder mit, hier spricht, was sonst stumm bleibt: In Regisseurin Franziska Meletzkys Film sind es die Kamera (The Chau Ngo), das Licht (Helmut Prein), das Szenenbild (Wolfgang Baark), der Schnitt (Jürgen Winkelblech) und die Musik (Wolfram de Marco). Alle diese Gewerke bilden ein eigenes Orchester für sich und werden nicht von den Schauspielern beiseitegedrückt.

Das Selbstbewusstsein der Menschen hinter der Kamera macht es den Darstellern leicht. Sie kommen sogleich in den Rollen an, müssen sich keine Räume erspielen. Wenn die Heldin Elena, der Liebling der Chefetage, am Beginn und am Schluss im Off mit dem Satz zu hören ist: „Mir hat mal jemand gesagt, Menschen, denen du dein Vertrauen schenkst, drückst du ein Schwert in die Hand, mit dem sie dich verteidigen oder vernichten können. Heute weiß ich: Vertrauen ist die stillste Art von Mut“, dann haben Bild, Architektur und Musik klargemacht, dass Vertrauen in diesem Glaskasten keine Heimat hat.

Diese Frau hat sich der kommerziellen Kälte ergeben

Vertrauen wäre der Ausgang aus dem Bürogefängnis in eine andere Welt, den die notorisch misstrauische Elena nur schwer finden kann. Diese Frau hat sich der kommerziellen Kälte ergeben, Liebe und Leidenschaft in Ehrgeiz und kalkulierte Chefverehrung verwandelt. Die Stallhaltung im Glaskäfig des Geldes beginnt die schöne Elena zu deformieren. Sie tritt nach unten, wenn ein Untergebener etwas versiebt, ihr Misstrauen bringt sie zielsicher auf die Spur einer Riesenschiebung, die die Existenz des Instituts und ihre eigene gefährdet.

Die ehrgeizige Jägerin will, was sie sonst immer tut: ihren Boss informieren. Der lässt sie nicht an sich herankommen. Für die mit Gunst von ganz oben Verwöhnte verdunkelt sich die Gnadensonne. Elena holt sich Hilfe. Ihr Ex-Lover Marc ist als IT-Profi gerade erst gefeuert worden. Er kennt sich mit den Computergeheimnissen der Bank aus. Die dauermisstrauische Bankerin hat eine heikle Situation zu regeln. Sie ließ Lover Marc aus Karrieregründen sitzen. Der Mann hat das nicht vergessen, aber auch nicht die Zuneigung von damals.

Wie Bonnie und Clyde dringen Marc und Elena in die Chefetage ein und decken nicht nur den faulen Kreditskandal auf, sondern finden ein geheimes Konto des Oberchefs. Die illegalen Gelder lenkt der findige Marc auf Elenas Schweizer Konto um. Es würde für ein schönes Leben zu zweit reichen. Aber auch zu Liebe und zum Mut, mit dem Schwert geschenkten Vertrauens den anderen nicht zu erschlagen? Letztlich eine müßige Frage: Geld regiert die Welt nicht allein, das Schicksal tut es auch.

Viel überzeugender als im Dreiteiler „Blochin“ schafft es Vogel, seinem Auftritt eine tragische Note zu verleihen. Man sieht in diesem Kammerspiel keinen Dauergehetzten, sondern einen um innere Reife Ringenden, der ahnt, dass er im Leben jenseits des Glaskastens nicht mehr ankommen wird. Die gegenseitige Zuneigung der Geldsklaven reicht nur zu einem schüchternen Vielleicht. Elena steht in der letzten Einstellung am Ufer des Zürichsees. Reich, aber auch untröstlich.

Wird noch einmal jemand kommen, dem sie das Schwert des Vertrauens übergeben könnte? Sie weiß jetzt, wie leicht Glück und Glas brechen können. Der eigenständige Bilderreigen mit Seeblick als Finale und die Story treffen zusammen. Kein Glas mehr, nirgends.

„Vertraue mir“, Montag, ZDF, 20 Uhr 15

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