"Barcelona-Krimi" mit Clemens Schick : „Die Abspaltung finde ich unfassbar“

Der Schauspieler Clemens Schick über den „Barcelona-Krimi“, Nationalismus in Katalonien und seine eigene Radikalität

Jan Freitag
Überzeugendes Argument? Bei seinem ersten Fall in Barcelona muss Kommissar Xavi Bonet (Clemens Schick) im Milieu illegaler Einwanderer ermitteln. Es wird gefährlich.
Überzeugendes Argument? Bei seinem ersten Fall in Barcelona muss Kommissar Xavi Bonet (Clemens Schick) im Milieu illegaler...Foto: ARD Degeto/Lucia Faraig

Mit 21 wollte Clemens Schick Mönch werden und ging acht Monate ins Kloster. Doch der Tübinger wurde weggeschickt und studierte in Berlin Schauspielerei – finanziert mit Nebenjobs als Gärtner und Türsteher. Zehn Jahre trat Schick in den großen deutschen Schauspielhäusern auf, ehe er 2006 im Bond-Film „Casino Royal“ als glatzköpfiger Handlanger des Bond-Gegenspielers (Mads Mikkelsen) zu sehen war. Es folgten Rollen in „Das Wunder von Bern“ und „4 Könige“. Für den „Barcelona-Krimi“ der ARD spielt Clemens Schick die Rolle des katalanischen Ermittlers Xavi Bonet. Mit ihm sprach Jan Freitag.

Herr Schick, Sie sind ein politischer Künstler, der sich über seine Arbeit hinaus gesellschaftspolitisch engagiert und voriges Jahr gar in die SPD eingetreten ist. Welchen Einfluss hat das auf die Auswahl Ihrer Rollen?
Wenn Sie jetzt hören wollen, dass ich nur Filme machen will, die diesem Engagement auch inhaltlich entsprechen, muss ich Sie enttäuschen. Solange darin nicht gerade zu Gewalt, Hass oder Rassismus aufgerufen wird, mache ich, was mir Spaß macht, mich fordert oder eben Geld einbringt. Ich muss ja auch leben von dem Beruf. Deshalb drehe ich vom kleinen Debütfilm über internationale Blockbuster bis hin zum Fernsehen eigentlich alles, sofern mir die Geschichte und meine Rolle darin gefallen. Und was im Grunde an erster Stelle kommt, sind die Kollegen und die Regie. Bestimmte Botschaften sind dafür nicht vonnöten.

Gibt es trotzdem welche, die den „Barcelona-Krimi“ für Sie interessant machen?

Schon. Wir thematisieren darin zum Beispiel das, was auch meinen eigenen Wohnort Berlin auf schmerzhafte Art prägt: diesen komplett ausufernden Massentourismus, der alles überflutet. In Barcelona kommt allerdings, wie man gerade sieht, dieser grassierende Nationalismus hinzu. Dass sich eine Region wie die katalanische im 21. Jahrhundert von Spanien abspalten will, finde ich schlicht unfassbar. Denn wenn etwas im Verlauf der Geschichte zielsicher zu Krieg und anderen Katastrophen geführt hat, dann war es eine schließlich zum Nationalismus gesteigerte Heimatliebe. Dieses Thema kommt allerdings erst im dritten und vierten Teil zur Sprache.

Ein Teil meiner Familie lebt in Barcelona

Bis dahin firmiert Barcelona indes vor allem als etwas, das den ARD-Krimis auf diesem Sendeplatz häufiger vorgeworfen wird: ein touristisch verwertbares Postkartenambiente zu zeigen.

Finden Sie? Barcelona ist wirklich traumhaft schön. Und ich weiß da, wovon ich rede; ein Teil meiner eigenen Familie lebt dort. Einerseits zeigen wir von der Stadt ja keineswegs nur die schönen, also die Postkarten-Seiten, im Gegenteil. Es kommen auch viele der schmutzigen Ecken vor. Andererseits finde ich es überhaupt nicht verwerflich, Filme als Angebote ans Publikum zu inszenieren, etwas zu tun, das vielen im Alltag unmöglich ist: um die Welt zu reisen, andere Länder zu sehen, fremde Kulturen. Das macht Fernsehen im Übrigen ebenso wie das Kino schon immer so; auch James-Bond-Filme sind seit jeher Hochglanzprospekte der jeweiligen Drehorte.

Hat sich für Ihre Arbeit als Schauspieler grundlegend etwas geändert, nachdem Sie im ersten Einsatz von Daniel Craig als 007 einen Bösewicht gespielt hatten?

Schauspielerisch allerdings war mein Einsatz darin schlicht zu unbedeutend, um mir international einen Namen zu machen. Trotzdem war es eine unglaubliche Erfahrung, in diesen riesigen Produktionsprozess geraten zu sein. Handwerklich geschieht dort alles, wirklich alles am oberen Limit dessen, was machbar ist. Die kriegen für jede Arbeit die allerbesten Leute. Man darf auch nicht vergessen, dass ich zuvor zehn Jahre fast nur Theater gemacht hatte. Diese Welt zu verlassen und plötzlich sechs Monate mit einer solchen Produktion unterwegs zu sein, war ein großes Abenteuer.

Haben sie damals Blut geleckt, mehr solcher Großproduktionen zu drehen?

Was heißt Blut geleckt – es hat in mir den Wunsch entfacht, mobiler zu werden. Deshalb hab ich damals auch mein Engagement am Schauspielhaus Hannover gekündigt, so gerne ich dort gearbeitet habe. Ich wollte freier sein in meinen Entscheidungen.

Kleiner Debütfilm so wichtig wie Bond

Fällt es nach so einem Schnupperkurs im ganz großen Kino nicht ein bisschen schwer, dann wieder für den kleinen deutschsprachigen Markt zu arbeiten?

Überhaupt nicht. Ich habe gleich danach einen kleinen deutschen Debütfilm gemacht, verglichen mit Bond ein fast lächerliches Budget, umgesetzt von Neulingen im Fach. Aber er war mir zu dem Zeitpunkt genauso wichtig wie der Bond-Film oder so wie jetzt mein ARD-Kommissar Xavi Bonet.

Was unterscheidet den von all den anderen TV-Kommissaren?

Das kann ich nicht sagen, weil ich nicht alle Kommissare im Fernsehen kenne. Aber mir gefällt es sehr, wie ruhig und zurückhaltend, fast ein bisschen eigenbrötlerisch er ist. Außerdem finde ich seine Bisexualität spannend. Xavi Bonet ist schweigend, beobachtend, aber eben auch lebenshungrig und angetrieben von einer Wut, die Welt gerechter zu machen.

Haben Sie die Figur unter diesem Gesichtspunkt mitentwickelt?

Auch. Ich war schon sehr früh im Entwicklungsprozess mit eingebunden. Was ein Geschenk ist, aber auch eine Herausforderung. Fernsehen zu machen, bedeutet, sich mit sehr viel mehr Mitwirkenden auseinanderzusetzen als beim Kino oder Theater. Ich liebe es radikal. Andere weniger. Da gilt es, sich irgendwo zu treffen.

Sie haben vor ein paar Jahren öffentlich gemacht, schwul zu sein. Ohne jetzt über Privates reden zu wollen…

Danke!

… glauben Sie, dass man das Thema Homosexualität durch die Präsenz massentauglicher Charaktere wie diesen Kommissar so weit normalisieren kann, dass es irgendwann keiner Erwähnung mehr wert ist?
Meine Erfahrung ist so.

„Der Barcelona-Krimi: Über Wasser halten“, ARD, Donnerstag, 20 Uhr 15

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