Bastion des Hörfunks : Worte, die die Welt bedeuten

Keine Werbung, kaum Musik, schnörkellose Information: Der Deutschlandfunk sendet seit 50 Jahren.

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Hochamt. Bundestagswahlen sind für den Informationssender Deutschlandfunk prägende Termine. 1965 war Johannes Groß (stehend) als Leiter „Aktuelles“ in seinem Element. Groß wurde später einer der führenden Publizisten in der Bundesrepublik. Foto: Deutschlandfunk
Hochamt. Bundestagswahlen sind für den Informationssender Deutschlandfunk prägende Termine. 1965 war Johannes Groß (stehend) als...

In der deutschen Medienlandschaft ist der Deutschlandfunk eine Größe von eigenem Format. Er ist der nationale Hörfunk, der reinrassige Informationssender, der rare Fall eines Bundessenders. Lauter Alleinstellungsmerkmale – und dazu keine Werbung, viel Text, sparsame Musikkulisse. Keine große Hörerzahl, misst man seine 1,6 Millionen an den rund 40 Millionen, die das ARD-Radio zählt. Aber die ihn hören, wissen, was sie am Deutschlandfunk haben. Was wäre, zum Beispiel, der politische Tag ohne sein Morgenmagazin, das wie kein anderes Themen setzt und Debatten aktiviert?

Dass dieser Sender fünfzig Jahre alt wird, lenkt also den Blick auf ein erfolgreiches Kapitel Rundfunkgeschichte. Das Jubiläum erinnert aber auch daran, wie umstritten er war, was ihn heute auszeichnet. Der erste Sendetag, der 1. Januar 1962, setzte nicht nur einen Anfang – auf dünnen Lang- und Mittelwelle-Frequenzen und mit dem treuherzigen Pausenzeichen der Melodie „Ich habe mich ergeben...“ –, sondern auch das Ende einer langen Vorgeschichte. In ihr spielen so ziemlich alle rundfunkpolitischen Querelen eine Rolle, die sich in den Anfangsjahrzehnten der Bundesrepublik finden lassen – der Streit der Parteien um das Medium, Adenauers etatistische Vorstellungen, das föderale Besitzstandsdenken der Länder. Der Zeithistoriker Rolf Steiniger, der diese Geschichte nachgezeichnet hat, zählt sie zu den „kompliziertesten, unerfreulichsten Kapiteln“ der bundesrepublikanischen Rundfunkgeschichte.

Ins Leben trat der Deutschlandfunk als „Wiedervereinigungssender“, der die Menschen in der DDR informieren und ansprechen sollte. Das war für ein, zwei Jahrzehnte eine ausreichende Legitimation, dann doch eher ein Klotz am Bein. Fast hätte es den Sender die Existenz gekostet. Denn als diese Begründung 1989/90 dank der eingetretenen Vereinigung entfiel, bedurfte es einer mühsamen, drei Jahre andauernden Operation, bis sein Weiterleben – zusammen mit dem Rias und den Resten des DDR-Rundfunks – unter dem Dach des neu gegründeten Deutschlandradios gesichert war.

Dabei steht außer Frage, dass der Sender tatsächlich eine Brücke zur DDR gewesen ist. Mit seinem aktuellen Programm – seit 1964 mit den ersten stündlichen Nachrichten im deutschen Senderaum – und seinen Hintergrundberichten war er der Garant dafür, dass der Zusammenhang der Deutschen kein leeres Postulat war, sondern eine tägliche Realität in den Wohnzimmern zwischen Magdeburg und Dresden – dort, im fernsehlosen „Tal der Ahnungslosen“, besonders. Es wäre schon ein Aberwitz gewesen, wenn ausgerechnet diese Institution, die mehr als fast jede andere dafür getan hat, dass etwas von der Einheit der Nation übrig blieb, dieser Einheit zum Opfer gefallen wäre.

Dabei war der Deutschlandfunk seit den siebziger Jahren längst zu einem Sender auch für das bundesrepublikanische Publikum herangewachsen. Seitdem er sich die ersten UKW-Frequenzen erkämpft hatte, im Ringen mit dem Rundfunk-Föderalismus, zum Teil sozusagen durch die Hintertür, wurde er zum medialen Resonanzboden des Bonner Politikbetriebs. Erste (Interview-)Adresse für die Politiker, hoch attraktiv für Hörer, die morgens, mittags und abends wissen wollten, was im Bundesdorf lief. Als er 1980 von der Kölner Villenidylle, in der er gegründet worden war, in ein eigenes Funkhaus umzog, war der kleine Bundessender ein etablierter Teil des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geworden.

Resümiert man das halbe Jahrhundert des Senders einschließlich der überstandenen Zitterstrecken, so liegt der Schluss nahe, dass es weniger die Entscheidungen im Rat der medienpolitischen Götter gewesen sind, denen der Erfolg des Senders zu danken ist, als vielmehr dem auf Information und Seriosität gerichteten Programm.

Die Arbeit von Redakteuren, Reportern und Korrespondenten hat in diesem Sender über die Jahre hinweg eine beispielhafte, auf die gesamte Bundesrepublik ausstrahlende Bastion des Hörfunks erstehen lassen. Und selbst der von der Not erzwungene Verbund mit dem Rias-Nachfahren Deutschlandradio Kultur, seit dem Jahr 2010 erweitert um das digitale Wissensprogramm DRadio Wissen, steht inzwischen auf festen Füßen.

Die Lücke, die der Deutschlandfunk füllt, nämlich das Bedürfnis nach schneller, seriöser Information und Diskussion, ist da die beste Garantie für die Zukunft.

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