Medien : Bauchlandung für NBC: Werbekunden klagen Millionen ein

Jörg Allmeroth

Auf der Mailbox der Pressestelle von NBC Sports flötet die nette Frauenstimme schon seit Tagen, "wegen dringender Geschäftstermine" partout keine Zeit zu haben: "Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht. Wir melden uns sofort zurück." Von wegen: Die Öffentlichkeitsarbeiter des amerikanischen Fernseh-Giganten haben in diesen traurig-tristen Olympia-Tagen keinen nachhaltigen Gesprächsbedarf: Nach einem Hagel von beißender Kritik über "seichte Seifenopern statt wirklichem Sport" ("Los Angeles Times"), verzögerter Berichterstattung und abstürzenden Einschaltquoten wie nie zuvor, haben die NBC-Leute vor Ort die Schotten dicht gemacht. Der sonst selbstherrlich und arrogant auftretende Fernsehtrupp schleicht, kein Wunder nach den Prügeln daheim, kleinlaut durch Stadien und Hallen.

Auf der Titelseite des "Sydney Morning Herald" ist der Boss des Flop-Unternehmens, der siegverwöhnte Dick Ebersol, am Donnerstag noch in einer Pose aus besseren Zeiten abgebildet: An einer fetten Zigarre schmauchend, richtet er den Blick kühn in den Raum. Doch die Rauchsignale, die seit dem 15. September, dem Tag der Eröffnungszeremonie, für den obersten Sport-Häuptling hochsteigen, sind alles andere als angenehm. Die schon vor den Spielen hart kritisierte Strategie, die Live-Ereignisse mit bis zu zehnstündiger Zeitverzögerung auf den Bildschirm zu bringen, endete mit einer der größten Bauchlandungen in der Sendergeschichte.

Es ist Olympia - aber niemand schaut hin bei NBC: An manchen Tagen fielen Marktanteile und Einschaltquoten um über 50 Prozent gegenüber den Heim-Spielen von Atlanta. Amerikanische Journalisten berichten, "dass eine Krisensitzung die andere bei NBC jagt." Angeblich soll sogar der Stuhl des unantastbaren Ebersol wackeln, der für den Fall aus höchsten Höhen den "Mangel an amerikanischen Olympia-Helden" verantwortlich macht. Nur die "Today"-Show des Senders, die live aus Sydney ausgestrahlt wird, verzeichnet annehmbares Besucherinteresse. Dort werden nämlich, "unglaublich, aber wahr", wie die "New York Times" lästerte, tatsächlich einzelne olympische Entscheidungen direkt ausgestrahlt. Allerdings nicht ohne den dezenten Hinweis an das Publikum, den Ton abzuschalten, falls man geschlagene zehn Stunden später noch einmal den vollen Wettkampfablauf, etwa in der Leichtathletik, sehen wolle. Doch mit soviel Distanz zum eigentlichen Moment der Wahrheit will keiner mehr in die Mattscheibe starren.

Auch das Internet mit seiner sekundenschnellen Nachrichtenübermittlung aus Sydney macht den NBC-Pleitiers schwer zu schaffen: Selbst auf einer eigenen Homepage des Senders ist schon Stunden vor dem Abspulen der TV-Konserven bekannt, wer Gold, Silber und Bronze in den Wettbewerben eingestrichen hat. Schon melden sich Werbekunden, die millionenschwere Rabatte einklagen, weil NBC, einer der drei TV-Riesen, sein Reichweiten-Versprechen nicht eingehalten hat. Die finanzielle Wiedergutmachung für die Reklamepartner verschlimmert noch das wirtschaftliche Fiasko für die New Yorker, die über zwei Milliarden Mark für die Fernsehrechte bezahlt haben.

Die niedrigsten Marktanteile seit den Olympischen Spielen in Mexiko 1968 haben bereits zu Spekulationen geführt, dass das größte Sportspektakel der Welt künftig so schnell nicht mehr in eine Stadt der südlichen Hemisphäre vergeben werde. In eine Stadt, die dem amerikanischen Markt mit einer ungünstigen Zeitverschiebung schaden könnte. "Wer bezahlt, bestimmt", sagt ein deutscher Fernsehmann. Auch für die beiden nächsten Sommerspiele hat sich NBC schon wieder mit Milliardeninvestitionen eingekauft. Dabei dürften die Übertragungen aus Athen, so sagt Ebersol, "kein Problem für uns sein. Da sind wir wieder an der Spitze." Der australische IOC-Vize Kevan Kosper verwies Gerüchte, NBC werde allen erdenklichen Druck auf die obersten Olympier ausüben, auch weitere Standorte in eine US-genehme Zeitzone zu legen, zwar "ins Reich der Fabel". Doch selbst ein Topmann von Sydneys Organisationskomitees sagt: "Wenn NBC gewusst hätte, welchen Reinfall es hier erleben würde, wäre Sydney nie Olympiastadt geworden."

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