Bauen und Schauen : Ein unvollendetes Projekt

200 Seiten zur 200. Ausgabe: Die Zeitschrift „Arch+“ ist seit 1968 ein Spiegel der Architekturkritik.

von
Jedes Heft ein Wagnis: Die Zeitschrift „Arch+“ schreckt auch vor esoterischen Themen nicht zurück. Repro: Tsp
Jedes Heft ein Wagnis: Die Zeitschrift „Arch+“ schreckt auch vor esoterischen Themen nicht zurück. Repro: Tsp

Wenn die 68er einen Leitsatz bis in die Gegenwart gerettet haben, dann Theodor Adornos Diktum „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. In leicht abgewandelter Form steht das Motto über dem zentralen Gespräch zu Entwicklung und Stand der deutschen Architekturkritik, das die Zeitschrift „Arch+“ (gesprochen Archplus) in ihrem Jubiläumsheft Nr. 200 publiziert. Die deutsche Kritik ist gegenüber derjenigen im Ausland, notabene in Italien, weit zurück, meint darin der Städtebauer Thilo Hilpert, und „die Ansätze von Venturi, ebenso wie die von Rossi, wurden bei uns nicht durch Theoretiker aus Deutschland verbreitet“. Das ist kein ganz schönes Deutsch, aber politisch sehr markant, und damit ist ein Grundzug von „Arch+“ schon benannt: Denkarbeit geht immer vor Ästhetik. Umso erfreulicher, dass das Jubiläumsheft, das sich mit „Kritik“ im Allgemeinen und der Architekturkritik im Besonderen befasst, sehr ansprechend gestaltet ist. Eine Fülle von Trouvaillen aus der Geschichte der Kritik und ihrer Schriften und Zeitschriften begleitet die Beiträge, die zugleich eine Chronologie der Architekturkritik des 20. Jahrhunderts liefern – das Zeitalter der Klassischen Moderne ist für „Arch+“ nicht Vergangenheit, sondern ein weiterhin „unvollendetes Projekt“.

1968 in Aachen gegründet und dort noch immer verlegerisch zu Hause, wird „Arch+“ redaktionell längst in Berlin verantwortet. Die Auflage beträgt 9000 Exemplare, 6000 davon im Abonnement. Jede Nummer ist mit ihrem bisweilen esoterisch anmutenden Thema ein Wagnis, getreu dem in Nr. 200 geäußerten Bekenntnis der Redakteure (drei feste an der Zahl, einen Chef gibt es nicht) um Nikolaus Kuhnert: Kritik sei „eine ,positive‘ Praxis, die (Handlungs-)Optionen eröffnet.“ Dem entgegen steht die konstatierte „Gedankenlosigkeit“ der deutschen Gegenwartsarchitekten. Aber wie reagieren? „Arch+“ versucht „eine neuartige Verschränkung von Zeitschrift, Webauftritt und öffentlicher Performanz“. Dazu gibt es eine Veranstaltungsreihe „Arch+ features“ samt durchillustriertem Beiheft für junge Architekten. „Die Zeitschrift wird dadurch zu einem multimedialen Projekt“, schreibt die Redaktion im Editorial ihres 200 großformatige Seiten starken und 19 Euro teuren Heftes. Und probiert auch fürderhin das richtige Leben im falschen. Bernhard Schulz

0 Kommentare

Neuester Kommentar