Medien : Bayern, brutalstmöglich

Mit „Leo“ gibt der BR dem Landvolk die Peitsche

Joachim Huber

Der Ort der Handlung liegt in Bayern. Über dem Ort, er könnte Hinterpfuideifi heißen, lacht der Himmel in unschuldigem Weiß-Blau – aber das ist schon die erste Lüge. Bäuerin Dargatz liegt tot hinterm Sofa, weil ihr Augenstern, der Enkel Paul, die Gänse rot gesprayt hat. Ein Infarkt? Schnell versammeln sich die vier Kinder der Christa Dargatz, Anhang inklusive. Mittendrin Kaplan Leonhard Heilmann, er hat das Testament, es herrscht Vorfreude auf ein Millionenerbe.

Es kommt anders: Die Dargatz-Bäuerin hat nicht die eigene Familie bedacht, sondern sie bedenkt einen „einzigartigen Indianerstamm“ in Brasilien. Die Idee hat ihr der Leo nahe gebracht. Und schon wird der Dargatz-Stamm militant: Alle sieben Todsünden der Familienbande werden beim Leichenschmaus (mit Gans!) serviert. Selbst der Pfarrer hat geschaut, dass er seine Schäfchen im Trockenen hat.

Autorin Gerlinde Wolf sorgt sich mit Fleiß, dass keine menschliche Niedertracht ausgelassen wird. Und weil nichts fehlt, fehlt der Handlung das rechte Maß. Eine schwarze Komödie wäre ausreichend gewesen, „Leo“ ist rabenschwarz. Immerhin eine Produktion des Bayerischen Fernsehens, diskreditiert und persifliert der 90-Minüter mit einer Wut, die eines Herbert Achternbuschs würdig ist, alles, was dem Bayer an christkatholischer Folklore nachgerufen wird.

Wer da keine Schauspieler bei der Hand hat, die fein präzise arbeiten, der dreht nur ein Kirmes-Karussell statt einer Bayern-Groteske. Vivian Naefe inszeniert mit dem richtigen Dreh. „Leo“, das muss der Regisseurin auf die Habenseite gerechnet werden, soll als Schauspielerfilm glänzen – und wen soll man aus dem grandiosen Ensemble herausheben? Die Gisela Schneeberger, wie sie ihre Gisela zwischen bigott und bösartig ölen lässt, Gisela, die längst nicht mehr weiß, warum sie mit Konrad verheiratet ist. Den spielt Elmar Wepper. Heimlich und intensiv träumt der Kfz-Mechaniker von seinem Fluchtpunkt Mallorca.

Matthias Brandt ist Leo, ein zweifelnder Gottesmann, der lernen muss, dass nicht alles, was gut gemeint ist, auch gut endet. Leo wartet auf ein Zeichen, auf irgendeines, Hauptsache, es ist unübersehbar und es kommt von Gott. In dieser Erwartung hält Brandt seinen „Leo“, grüblerisch nach innen und nach außen staunend, was Rest-Bayern so umtreibt.

Nach einer Nacht voll Blitz und Donner scheint – Kruzifixnocheinmal – der Himmel über Bayern wieder weiß-blau. „Leo“ nimmt eine scharfe Kurve zu einem märchenhaften Schluss. So viel Wiederauferstehung war selten im deutschen Fernsehen. Kaplan Leo tänzelt über die grüne Wiese. Zurück in Hinterpfuideifi bleiben zwei tote Gänse und ein toter Arzt. Ein toter Arzt – wie das jetzt?

„Leo“, 20 Uhr 15, ARD

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