Bayern München : Die Toten und die roten Hosen

Vereine und Fans der Fußball-Bundesliga verdanken dem FC Bayern mehr, als ihnen lieb ist. Weil der Münchner Klub der Medienmeister ist.

Jo Groebel
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Mal ehrlich, Fußball kann über weite Strecken ziemlich langweilig sein. Jedenfalls, wenn man nicht gerade Fan ist oder es um letzte Entscheidungen geht. Wären da nicht Clubs wie der FC Bayern München. Denn durch Mediengeschichten wie die über die Münchner bewegt der Volkssport weit über die Grenzen der Anhänger hinaus. Vor allem die Bayern machen die Spiele zu einer Frage von Leben und Tod, von Intrige und Freundschaft. Erst mit einem Club, der in Presse und Fernsehen durch ständige Höhepunkte und dramatische Abstürze die Gefühle bewegt, kann die öffentliche Karriere des Fußballs funktionieren. Natürlich gibt es in Deutschland noch den ein oder anderen Verein, der wenigstens regional die Gemüter hochkochen lässt. Aber Himmels- und Höllengestalt konnte und kann über lange Zeit für das ganze Land nur der FC Bayern sein.

Die „Toten Hosen“ hatten nicht zufällig die Männer in den roten Hosen zum Objekt eines Schmachliedes gemacht. Gerade für ehemalige Underdogs wie die Mitfinanziers von Fortuna Düsseldorf verkörpert der Verein so ungefähr alles, was man schrecklich finden kann. Reichtum (immer noch), Arroganz (bis vor kurzem), Starkult (mal beim Spieler, mal bei der Elf), Medienglamour (je nach gerade angesagten Bräuten). All dies ein gefundenes Fressen für die Presse. Eine Mediengeschichte, die nicht gemacht wurde, sondern sich organisch aus den Eigenschaften des Clubs selbst entwickelte.

Da ist zunächst der Ort. Er liefert die glamourösen Zeitungs- und Fernsehbilder. Der FC Bayern ohne die Stadt München ist schlicht nicht vorstellbar. Beide gehören zusammen wie Köln und der Dom, wie Berlin und das Brandenburger Tor. Wer an München und seine Fußballstars denkt, hört Diskoklänge, sieht die (west-)deutsche Schickeria, schmeckt die Italiensehnsucht der Nachkriegszeit und vibriert mit Ferraris und aufgemotzten BMWs auf der noblen Maximilianstraße. Auch in Gelsenkirchen oder Wolfsburg fährt man schnelle Autos, doch die ihnen entsteigenden Fußballrecken sehen immer irgendwie deplatziert und unglücklich aus. Bei den Bayern sind die Flitzer der natürliche Ausdruck aller Träume und allen Neides. Der Club zahlt die Fantasiegehälter, von denen die meisten anderen Spieler, geschweige denn Normalbürger nur träumen können.

Dennoch schaffen selbst Abneigung und Missgunst Bindung. Und füttern damit die Medienattraktion weiter. Mehr als andere bietet dieser Verein Identifikation weit über das Lokale hinaus. Die Berichte über alle Facetten des Clubs tragen ihn in die ganze Republik und selbst ins Ausland. Positiv, aber auch, weil jeder seinen Lieblingsfeind braucht. Gerade im Fernsehen sieht man nämlich noch lieber die Aufregerfiguren als die Sympathieträger. Der „Böse“ gewinnt automatisch die Aufmerksamkeit. Und der FC ist vielen den Lieblingsfeind par excellence. Vielleicht war Jürgen Klinsmann einfach zu nett. Jetzt hat auch er die Negativgemüter erreicht. Wichtig, denn in den Medien zelebrierter Fußball handelt auch vom Dazugehören, das man nicht zuletzt durch Abgrenzung von anderen erreicht bis hin zu Feindschaft und Häme. Wo sonst darf man so ungehemmt Tiraden loslassen wie in den Fußballrubriken der Presse.

Übel nimmt das einem kaum einer, denn die Objekte sind ja schon fürstlich honoriert. Das schließt auch beim Trainer das Ertragen von Medienattacken mit ein. Reaktionen wie jetzt die von Klinsmann gegen die „taz“ wegen der Kreuzigungskarikatur sind nur zu willkommen. Sie steigern die Dramatik noch mal, machen aus einem Ereignis eine Story. Auch deshalb bedient der Klub in idealer Weise die Bedürfnisse der Berichterstattung: emotional, polarisierend, heute oben, morgen unten, Ende offen. Ob man Freund ist oder Gegner, das Gemeinschaftsgefühl wird in jedem Fall vehement gestärkt.

Und dann die Clubpersonen und Persönlichkeiten. Verzweifelt suchen die anderen immer mal wieder nach charismatischen Stars, nicht nur nach guten Fußballern. Tatsächlich steigt ein solcher auch ab und zu mal in Hamburg, Bremen oder Berlin wie Phönix aus der Stadionasche. Meist bleibt es dann aber bei der Langweilerehe mit einer schicken Modetussi, der betrunkenen Nachtfahrt durch eine Kleinstadt oder beim verzweifelten Versuch der Lokalpresse, einen privaten Pups zu einem Medienereignis hochzujazzen.

Nicht so bei den Bayern. Da wünscht man sich weniger Negativberichterstattung. Denn die egozentrischen Ballstars mit Affären, Attacken und Ausrastern sind Legion und bieten ständig neues Sensationsfutter. Wie langweilig, gäbe es das alles nicht. Doch wo bleibt der Fußball? Immerhin scheint es eine Korrelation zwischen den extremeren Verhaltensweisen und den herausragenden Leistung zu geben. Fußball ist nicht Sparta. Nicht mal mehr auf Schalke. Dass kein anderer Club auch nur annähernd ähnliche Erfolge aufzuweisen hat, keine ähnlich große Zahl an Talenten und Legenden versammelte, muss gar nicht erst betont werden. Und selbst die momentane Krise auf hohem Niveau ist ein Teil dieses Erfolgs. Den Fans mögen Dauertore lieber sein. Das große Publikum liebt die Fußballsoaps mehr. Sie sind wie das Leben mit Ups und Downs, mit Triumph und Bangen.

Zugespitzt passt der heutige Zustand der Bayern ganz gut zur Wirtschaftskrise. Auf den Frevel und den Hochmut des Geldes folgte der Absturz, folgen das Kleinlaute und die Ratlosigkeit, folgt die Erkenntnis der Fehlbarkeit, mit jedem Einzelgewinn aber auch wieder die Hoffnung.

Und so passt der irgendwie so gar nicht Bayern-kompatible Klinsmann eben doch sehr gut zum Club. Schon allein durch das Nichtdurchschnittliche, durch die Tatsache, dass der Verein wie kein zweiter eigenständige und unterschiedliche Persönlichkeiten präsentierte, ähnlich dem griechischen Theater. Immer Sieger, immer Macho ist für Medien stinklangweilig. Selbst eine Lichtgestalt Klinsmann wäre auf Dauer unerträglich gewesen, realistisch sowieso nicht. Wahrscheinlich war er dazu sowieo 2006 eher durch den unbedingten Stolzeswillen der Deutschen und die heimische WM als durch reine Leistung geworden. Vogts war 2002 immerhin höher gekommen, galt aber als Versager. Zudem hatte „Klinsi“ nicht nur die Kerls bedient, sondern auch die Herzen der Frauen geöffnet, durch Buddhas (wo sind die eigentlich geblieben?), Einfühlungsvermögen, saloppe Eleganz. Und die Herzen mancher nicht von vornherein fußballnaher Männer. Jetzt ist schon das öffentliche Bangen und Hoffen um sein Karriereende wieder genauso typisch Medien-München wie bei jedem früheren Trainer und jedem Spieler.

Dem Fußballbegeisterten, dem puristischen Patrioten mag all dieses wie lästiges Mediengetue erscheinen. Doch der Populärkultur geht es um mehr als Tabellenplätze, internationale Wettbewerbe und Dauersiege. Wie langweilig wäre eine Berichterstattung, die sich ausschließlich auf den Spielverlauf beschränken würde. Zu den nachhaltigen Medienikonen des kollektiven Gedächtnisses sind eher als gelungene Tore oder elegante Pässe Bayern-Szenen geworden wie Trapattonis „Was erlauben Strunz“. Oder die Wutanfälle von Hoeneß. Oder Kahns Liebesausrutscher. Oder Beckenbauers Elogen zwischen Pastoralem und Wunderlichem. Fußball ist eben Leben. Erst das Leben außerhalb des Feldes bringt die breiten Mediengeschichten. Und auch wenn Berlin die interessantere Stadt ist: Nicht mal bei Hertha tobt das Leben so wie bei den Bayern.

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