Medien : „Bayern sind Maulhelden“

Das neue Großprojekt des Geschichtenerzählers Franz Xaver Bogner

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Sie drehen gerade den Sechsteiler über das Polizeirevier „München 7“. Ist das, wie die Serie „Irgendwie und Sowieso“ aus den 80ern, wieder ein typischer Bogner?

Meine Geschichten spielen auf der Straße. Dieses große ActionKino-Denken mit Verfolgung und Crime interessiert mich nicht. Zum einen interessiert’s mich von Haus aus nicht, zum anderen können wir da nie mithalten, weil wir einfach nicht das Geld haben wie die Amerikaner. Das Ding auf der Straße mit den Leuten, das ist am ehesten meins.

Was fasziniert sie so sehr daran?

Es ist die verbale Komik, gerade im Bayerischen. Wenn man etwa die Kriminalstatistiken im untersten Amtsgerichtsbereich vergleicht, dann haben wir hier das Zehnfache an Beleidigungen im Vergleich zu anderen Bundesländern. Die Bayern sind halt extreme Maulhelden.

Sie schauen dem Volk aufs Maul.

Was mir am meisten Spaß macht, ist Geschichten zu haben, die im Kern eine starke komische Tendenz haben. Um diesen Kern herum erdenke ich mir dann die Figuren, und ich bilde mir ein, dass ich solche Leute relativ gut kenne. Ich habe wohl unbewussterweise 20 Jahre meines Lebens Leuten einfach nur zugehört. Ich weiß, mit wie viel Diktion und Sprachfärbung sie ihre Reden und Geschichten versehen. Die meisten tun das zum Eigenschutz. Und sie reden dabei um den tatsächlichen Kern herum. Das finde ich per se komisch. Es wird zehn Stunden über irgendetwas geredet, aber das Wesentliche, worum es denn geht, das wird vermieden.

Woran liegt das?

An der Angst, sich zu entblößen. Ich war lange Zeit Ministrant, katholisch, wie sich’s für Bayern gehört. Da habe ich mitgekriegt, wie sich das abspielt: Da waren dann alte Geschäftsleut’ in der Kirche, die irgendwann vor mir knieten, als es die Kommunion gab. Ich konnte dann genau sagen, der Metzger-Huber, der hat zwei faule Zähne unten, und oben hat er ein Gebiss. Das wusste ich schon als Sechsjähriger. Ich musste ja immer nebenher gehen und unter der Hostie das Tablett halten. Überhaupt sind Gottesdienste ja Inszenierungen, wo es gilt, die Leute bei der Stange zu halten.

Und Ihre eigenen „Schaustücke“?

Da treibe ich es, etwa bei „Café Meineid“, bis zum Exzess, vorher schon die Schauspieler auszusuchen, bevor ich überhaupt schreibe. Die kenne ich ja alle, ihre Diktion, ihre Körperhaltung, ihre Spielart. Und dann schreib ich’s genau auf die zu. Es ist eine Art Werkstattsituation, so wie es früher gang und gäbe war, etwa bei Molière, der immer dabei saß und für seine Leute schrieb. Und ich kann das hier noch tun, da der Bayerische Rundfunk mir dazu die Möglichkeiten gibt. Ich kann als Fossil, das selbst schreibt und inszeniert, weiterleben, und habe das Glück, dass es den Leuten gefällt, sich wiederzuerkennen.

Ist „München 7“ eine Art „comédie humaine“ – Münchner Innenansichten?

Ich tue nichts lieber, als Leute in sozialen Systemen zu vernetzen. Wann immer ich etwas mache, das man im weitesten Sinne als Serie bezeichnet, kann ich es nicht lassen, 5000 Verzweigungen anzulegen. Ich habe mal, als ich acht Monate im Krankenhaus lag, den halben Balzac gelesen. Seither hab’ ich diesen Vogel. Bei „München 7“ ist es so, dass es einen alten Polizisten gibt, Xaver, der in der Innenstadt schon fast verkrustet ist, und einen jungen Neuen, Felix, aus Neuperlach draußen. Bei mir selbst ist es so, München ist meine halbe Seele, das Land ist die andere.

Kino- und Fernsehfilme scheinen austauschbar. Kino wird schlechter, Fernsehen besser. Sie drehen seit jeher nur fürs Fernsehen.

Ich bin immer froh, wenn ich etwas sehe und denke, „Hoppla, das ist nicht austauschbar“. Unter 100 Filmen erkenne ich den von Helmut Dietl wieder. Wahrscheinlich auch noch vom Dieter Wedel. Ich bin froh, dass ich die Art von Geschichten und Fernsehen machen kann und finde es schade, dass das Fernsehen sich im Laufe der Angleichung im Quotendenken an die Privaten auch an den Mainstream angeglichen hat. Irgendwann wird es einen Grad von Austauschbarkeit erreichen, so dass nichts Neues mehr kommt.

Das Gespräch führte Thilo Wydra.

„Irgendwie und sowieso“, ab heute donnerstags, Bayerisches Fernsehen, 21 Uhr 45.

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