Medien : BDZV: Nach Berlin! Ins Netz!

Reinhard Kleber

Wenn der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger e.V. (BDZV) am heutigen Dienstag in Berlin-Mitte sein neues Domizil bezieht, dann wartet viel Arbeit auf ihn. Schon während des Umzugs vom Rhein an die Spree wurden die Mitarbeiter von der neu ausgebrochenen Debatte um die Rechtschreibreform auf Trab gehalten - am 27. Juli sagten sie Bonn bereits Adieu. Mit dem 1954 gegründeten Verband verlor die Bundesstadt eine weitere Lobby-Organisation an die Hauptstadt.

Die neue Interessenvertretung der Zeitungen im "Haus der Presse" in der Markgrafenstraße 15 befindet sich nicht nur im Herzen der Hauptstadt. Damit kehrt der Verlegerverband auch an einen traditionsreichen Ort zurück, steht sein Sitz doch wieder mitten im alten Zeitungsviertel. In dem nach eineinhalbjähriger Bauzeit fertiggestellten Gebäude residieren auch der Verband Deutscher Zeitungsverleger und der Verein der Zeitungsverleger in Berlin und Brandenburg. Offiziell eröffnet wird das "Haus der Presse" allerdings erst am 21. September.

Das neue Haus der Presse solle "nicht nur ein reiner Funktionsbau sein, sondern auch ein Ort der Begegnung und des Disputs über das ewig frische Medium Zeitung," sagte Verbandspräsident Helmut Heinen anlässlich seiner Amtseinführung am 8. Mai in Berlin. Der Kölner Verleger fügte damals hinzu: "Wir Zeitungsverleger erhoffen uns vor allem einen fruchtbaren Dialog mit der Politik, wie wir ihn trotz aller Meinungsverschiedenheiten in Einzelfragen über vier Jahrzehnte in Bonn führen konnten."

Neben dem Tabakwerbeverbot der EU-Kommission, den Folgen des 630-Mark-Gesetzes, der Debatte um den Tendenzschutz und der geplanten Reform des Urheberrechtsschutzes wird sich der Bundesverband in nächster Zeit verstärkt der Herausforderung durch das neue Internet stellen müssen. Wird die gedruckte Zeitung obsolet? Nein, meinte Heinen und gab im Mai die Marschrichtung vor: Sie muss "geduldig ihre Stärken weiter entwickeln und sie ausspielen gegen Fernsehen und Internet." Akuten Handlungsbedarf gibt es nach seiner Ansicht insbesondere auf den Anzeigen-Stammmärkten: "Hier müssen wir gegensteuern." Gefragt sei neben der eigenen Kreativität vor allem die "Geschlossenheit unseres Verbandes".

Der wirkt in dieser existenziellen Frage derzeit aber eher gespalten. "Würden die Rubriken wegfallen, verlören die Zeitungen bis zu 50 Prozent ihres Werbeumsatzes," warnt Hans-Joachim Fuhrmann, Leiter des Geschäftsbereichs Kommunikation und Multimedia. Damit sei zwar nicht zu rechnen, zum einen weil die Entwicklung der Internet-Konkurrenten mangels Inhalten langsamer verlaufe als von den Netz-Befürwortern vorhergesagt. Zum anderen habe der Verband seine Mitglieder aufgerufen, "mit aller Kraft ins Netz zu gehen, um die Märkte zu besetzen."

Nach seinen Angaben sind derzeit 180 Zeitungen online präsent, die Hälfte davon auch mit Kleinanzeigen. Warum die andere Hälfte nicht? Fuhrmann verweist auf Bedenken bei den Verlagen, die argumentieren: "Warum sollen wir uns selber kannibalisieren?" Fuhrmann hält dem entgegen, es sei besser, sich im Netz selber Konkurrenz zu machen, als dass es branchenfremde Anbieter tun. Dies sei auch die Position des Verbandes.

Der Multimedia-Experte gibt zu bedenken, dass die Suche nach Wohnungen, Autos und Arbeitsstellen im Internet "trotz der noch vorhandenen Hürden viel schneller und komfortabler funktioniert als in den Printmedien." Angesichts der enormen Zuwachsraten im Netz gehöre "nicht viel Phantasie" dazu, sich auszumalen, dass die gedruckte Anzeige bald überflüssig sein könnte. Schon jetzt gebe es Doppelaufträge für Annoncen in Zeitungen und im Internet.

Einen wichtigen Wettbewerbsnachteil - die Beschränkung auf lokale oder regionale Märkte - wollen etliche Zeitungen durch Online-Anzeigenverbünde wettmachen. So haben sich bereits zwölf Verlage zur Internet Service Marketing AG zusammengeschlossen, um eine nationale Plattform für Anzeigen zu bilden. Mit an Bord sind laut Fuhrmann große Blätter wie die "Süddeutsche Zeitung", "Frankfurter Rundschau", "Kölner Stadt-Anzeiger" und die "Stuttgarter Zeitung". Unter dem Arbeitstitel M5 arbeitet zudem eine Initiative der Verlage der "Neuen Westfälischen" und der "Ruhrnachrichten", um eine weitere überregionale Rubriken-Plattform aufzubauen.

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