Medien : Bedingt normal

Das Erste versucht sich an einer Psychotherapeuten-Komödie in Woody-Allen-Manier

Barbara Sichtermann

„Die Psychoanalyse ist die Krankheit, für deren Therapie sie sich hält“ – dieses Karl Kraus zugeschriebene Bonmot ist so witzig (ganz abgesehen davon, ob es zutrifft oder nicht), dass danach eigentlich beim Versuch, die Therapieszene parodistisch auf den Punkt zu bringen, nichts mehr kommen konnte. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass ein Massenmedium wie das Fernsehen sich den Psychodocs in satirischer oder sonst unterhaltsamer Absicht eher selten genähert hat. Mit einem Wort: Wir hatten keinen (TV-) Woody Allen. Jetzt aber fanden Gabriela Sperl und Kathrin Richter (Buch) sowie Sherry Hormann (Regie) den Mut, drei Seelenklempner und ihre Patienten in einem zugleich humorigen und dramatischen Zweiteiler vorzuführen. Und wenn das Ergebnis auch nicht zu Woody Allen aufschließt, so verrät es doch eine Experimentierlust, die im deutschen Fernsehen leider die Ausnahme ist und bei der ARD-Produktionsfirma Degeto eigentlich überhaupt nicht vorkommt.

Der Zuschauer muss sich damit abfinden, dass er hineingeworfen wird: in eine schwer überschaubare Personenfülle, in Phantasmen, Träume und Rückblenden, in Sphären des Übergangs zwischen Wahn und Wirklichkeit. Es ergeht ihm wie einem Reisenden, der in einem fremden Land aus Bahn oder Flieger steigt, die Leute erst kennen- und ihre Sprache verstehen lernen muss, ehe er sich zurechtfindet. Was nie so ganz gelingt – aber das macht nichts. Denn er begreift bald: Gewissheiten gibt es nicht in dem Koordinatenkreuz, das die Funktionen von Helen, Fred und Ted abbildet. Denn darum geht es ja: Gewissheiten zu erschüttern, nichts mehr für gegeben zu nehmen und sich ernsthaft zu fragen, ob nicht alles auch ganz anders ist oder sein könnte: die Mutter-Kind-Beziehung, die Ehe, die Karriere, das Leben.

Wer das Experiment mitvollzieht, das dieser Film anregt: alles infrage zu stellen, was unsere interpretativen Gewohnheiten aus unseren Gefühlen gemacht haben, der wird an diesem menschlichen Chaos sein Vergnügen finden. Schauplatz ist eine psychotherapeutische Praxis in München, die Altanalytiker Fred (Friedrich von Thun) eigentlich aufgeben wollte beziehungsweise seinem jüngeren Nachfolger Ted (Christian Berkel) überlassen hatte – bis sich herausstellt, dass Fred ohne seine Arbeit nicht leben kann und dass ihm weder sein ungehorsames Hündchen noch seine verfressene Freundin als Lebenszweck genügen. Fred also macht weiter – zumal noch eine dritte Kraft zur Gemeinschaftspraxis dazustößt, Dr. Helen Cordes (Andrea Sawatzki), eine Psychiaterin, die sich statt mit Fred mit Ted zum Essen trifft, was natürlich nicht angeht …

Wie auch das Presseheft verrät, „kennen sich die drei Psychotherapeuten mit Beziehungskonflikten blendend aus. Ins Schleudern geraten sie nur immer wieder, wenn es um ihre eigenen Gefühle geht.“ Und da hätten wir den ersten Einwand: Der Versuch, Karl Kraus in der Weise zu veranschaulichen, dass die Psychologen ihren Patienten prima helfen (sofern die sich helfen lassen), selbst aber immer auf dem Schlauch stehen, der ihr eigenes Herz mit ihrem Kopf verbindet, schlägt fehl. Es ist einfach nicht komisch, wenn Fred seine Eifersucht auf die Kollegen ungeschickt zu verbergen sucht und Helen herumzickt, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass sie von Ted und dessen unkonventionellen Methoden („Was empfinden Sie?“) beeindruckt ist. Diese Muster sind zu grob, um nicht zu sagen primitiv, das hat man satt.

Interessanter als die Beziehungen unter den Therapeuten sind die jeweiligen zu ihren Patienten: zu einer notgeilen Neurotikerin, zu einem magersüchtigen Teenager, einer kontrollwütigen Mutter, einem ausgebrannten Manager. Da gibt es abgründige, gruselige und hochkomische Momente mit schauspielerischen Spitzenleistungen (Corinna Harfouch, August Zirner).

Schließlich darf die Zentralfigur in diesem ganzen Trubel nicht unerwähnt bleiben: Gisela Schneeberger spielt die Sprechstundenhilfe Traudel Nitsche als eigenwilliges Faktotum, das überhaupt nichts von Psychologie versteht und deshalb öfter mal klar sieht – und seinerseits ins Schleudern gerät, als sich die Gepflogenheiten in der Praxis mit den neuen Teilhabern von Grund auf ändern.

Eines allerdings hat man bei der Inszenierung dieser bombigen Figur falsch gemacht, und da käme nun der zweite Einwand. Man hat Traudel – in der löblichen Absicht, den Zuschauer zu amüsieren – von ihrem Hinterteil her inszeniert. Wann immer die gute Frau auftaucht, schiebt sie ein voluminöses, wahrscheinlich ausgepolstertes Gesäß in die Kamera. Das war nicht, wie wohl vorgesehen, ein Running Gag, sondern ab der zweiten Wiederholung nur noch ermüdend. Gisela Schneeberger ist auch ohne Arschkarte komisch. Sie hielt den Film, der mehrfach zu zerflattern drohte, mit ihrer Karl-Kraus’schen Skepsis zusammen.

„Helen, Fred und Ted“, Mittwoch, ARD, 20 Uhr 15. Zweiter Teil: 20.9.

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