Medien : Bedingt orientierungsfähig

60 Jahre – und ein bisschen leise: Der „Spiegel“, früher Sturmgeschütz der Bonner Republik, sucht heute nach einer neuen Rolle

Jürgen Engert

Bücklinge und „Spiegel“ sind eine Einheit. Bevor ich ihn zum ersten Male lese, rieche ich ihn. Das war 1952, und Bruno Leichsenring, der Eisenbahner, schmuggelte geräucherte Heringe und Zeitschriften, Rares und Verbotenes, auf Bestellung und gegen granatiges Aufgeld zum Wechselkurs West-Ost von Berlin nach Dresden, über Grenzen, die zwar bewacht und filzend kontrolliert, aber passierbar waren. Die Bücklinge und der fettbefleckte „Spiegel“ aus Bruno Leichsenrings Aktentasche: Duft aus einer anderen, der vielfältigen Welt, Produkte, über sich hinaus weisend, Symbole gegen anödende Uniformität: „Wir sind die Junge Garde des Proletariats“, eins, zwei, drei, vier!

Ich verdiente am „Spiegel“, indem ich, Leichsenrings Untermann, einen Lesezirkel aufzog. Ausleihe gegen Gebühr nebst Verpflichtung zur pfleglichen Behandlung, trotz Fettflecken, sonst kracht’s! Veraltete Hefte gab es nicht, das alte war stets das neueste. Bei der Lektüre lernten wir, dass Aktualität ein höchst relativer und individueller Begriff ist, abhängig vom Aufbereiten eines Themas, abhängig von den Lebensumständen des Lesers. In Reih und Glied und noch ein Lied: Mit uns zieht die neue Zeit! Diese Zeit aber muss anders werden, damit sie besser werden kann, und der „Spiegel“ zog vorneweg, löckend wider die Stachel, und wir hinterdrein. Und vor dem „Neuen Deutschland“ ließen wir in Dresden die Hamburger Suada knattern: „Wo habt ihr denn das her?“, fragte vom Katheder der Genosse Platz, der Lehrer für Gegenwartskunde.

Mit den Bücklingen und dem „Spiegel“ war’s vorbei, als der Schmuggel aufflog und Eisenbahner Leichsenring in den Knast kam. Dann haben wir es noch eine Weile ohne Konterbande ausgehalten, bis mehrere aus dem Lesezirkel, nach dem Schnupperkurs, die Nase endlich vollnehmen wollten vom Duft der weiten Welt und wir im westlichen Berlin als Eleven in die „Spiegel-Gemeinde“ eintraten. Einer ging nach Dresden zurück. Ihm genügte es, die Vielfalt zu lesen. Bei Besuchen wurde ihm der „Spiegel“ mitgebracht.

Zeitungen und Zeitschriften können in Biografien eingehen, unverwechselbar, untrennbar, Merk- und Haltepunkte, Wegbegleiter, Meilen laufen, weil Verzicht unerträglich. Und montags wird von Hamburg aus die Glocke geläutet, seit Jahrzehnten, und die Gläubigen ziehen in die Kirche, wobei, wie in jeder Kirche, zwischen Glaube und Gewohnheit nicht zu unterscheiden ist, auch nicht so wichtig, Hauptsache, der Laden ist noch voll im Zeichen der Kirchenaustritte. So ist man gemeinsam in die Jahre gekommen. Philemon und Baucis auf einer Bank, und die Sintflut steigt, und wenn’s gut geht, werden beide verschont; im Alter vermehren sich nicht nur die Friedhöfe, es verstärkt sich auch das Zutrauen zu den Göttern. Das schrieb sich auch Henri Nannen auf: „Der Herr segne und behüte Dich …“

Nannen nennen heißt auf Rudolf Augstein verweisen. Die zwei, die, ihren Wesensunterschieden zum Trotz, repräsentativ waren für die Generation in Deutschland, die als Junge von 1933 bis 1945 die von Staats wegen verordnete Verfassung hingenommen, sich ihr eingefügt hatte, mit Krieg und Niederlage und einer kollektiven Verantwortlichkeit für Verbrechen an der Zivilisation sondergleichen als Folgen. Ein Damaskus-Erlebnis. Augstein wollte nicht nur Gewissen haben, er wollte Gewissen sein. Wiedergutmachen. Sich selbst, vor allem aber den Altvorderen gegenüber, die, charakterisiert durch Traditionen des Obrigkeitsstaates, als Weichensteller der jungen Bundesrepublik fungierten.

Augstein hatte Macht, und er wollte Gegenmacht sein. Mit dem „Spiegel“ als Sturmgeschütz: Feuer frei! Und mit einer Leserschaft als verstärkendem Resonanzboden für die Treffer. Das, was oberflächlich als „Spiegel-Affäre“ firmiert, mit Augstein und anderen wegen angeblichen „Geheimnisverrats“ zum außenpolitischen Schaden der Bundesrepublik hinter Gittern, war 1962 tatsächlich ein Kampf um die Innenausstattung der noch nicht erwachsenen Republik. Zwei Weltanschauungen prallten aufeinander: Auf der einen Seite die Staatsideologen mit dem Regierenwollen von oben nach unten, sie, die anhand des „Spiegel“ ein Exempel statuieren wollten; auf der anderen Seite die, die in der Gesellschaft, in ihrer Freiheit, gesichert durch Rechtsstaatlichkeit, den Dreh- und Angelpunkt politischen Handelns sahen. Die Bedeutung der Affäre, die eine Krise war, ist für die Kursbestimmung der zweiten deutschen Demokratie gar nicht zu unterschätzen. Damit ging eine Zeitschrift in die Analen ein. Durch Augstein wurde der „Spiegel“ zum Spiegelbild der Bonner Republik, gesehen, beurteilt, beeinflusst aus der Perspektive von solchen, die Krieg und Nachkrieg bewusst erlebt hatten und die ihre Erfahrungen projizierten.

Die Augsteins als Verkörperung einer Spezies: Sie bewirkten den Erfolg des „Spiegel“. Sie sagten nicht Freiheit, denn das sagten die bekämpften Veteranen auch, sie sagten Liberalität. Und die wollten sie gewinnen, für sich, als Spielraum nach den Morgenfeiern, den Fahnenappellen, dem Strammgrüßen. Sie wollten machen, und sie wollten bewegen. Kontemplation, von der wussten sie nicht einmal, wie man sie schreibt, so fremd war ihnen Beschaulichkeit, gleichgesetzt mit Untätigkeit und Idylle, schrecklich. Vita activa – das war’s. Als wir 1986 einen Film zum 200. Todestag Friedrichs des Großen drehten, war Rudolf Augstein, Autor von „Friedrich und die Deutschen“, mit von der Partie. Bei vielen Flaschen Bier sprachen wir über historische Größe. Sie wurde Friedrich von Augstein verweigert. Denn groß war für ihn nur einer, der das Neue und Notwendige schafft, nicht nur das Passende. Der Held als Marschall Vorwärts. Das bekräftigte er auch vor der Kamera zwischen den Büsten der Gipsformerei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Friedrich: Augsteins Anti-Typus.

Aufbruch aber ist nicht zu konservieren. Im Laufe der Zeit, die Welt war fein säuberlich geschieden, wir hier, die dort, ein bisschen unmündig, hat auch Vorteile, der Status quo erschien als ein Zustand für ewig, puppten sie sich ein, die deutschen Provinzler auf dem Bonner Marktplatz. Man kannte sich, man traf sich. Es war wie in Wanne-Eickel. Nur waren dort keine vom „Spiegel“ dabei, von Kollegen beneidet, vom Publikum respektiert, von manchen gehasst, denn das könnten sie ja, „die Spiegel-Leute“, wenn sie wollten, Staatsaktionen anzetteln, also gutstellen, einen Spalt die Tür öffnen, ein Schlüsselloch freimachen, Fingerzeig nach rechts und nach links, immer weg von der eigenen Person. Haben Sie schon gehört ...? Man muss mit den Pfunden, die man hat, und die vom Himmel nicht gefallen sind, auch wuchern können, der Leser wird’s goutieren. Ein Sturm im Wasserglas ist auch ein Sturm.

Aber dann schlug, aus heiterem Himmel, der Blitz in die Bonner Gartenlaube. Er traf die rheinische Republik, mit der der „Spiegel“ als Alter Ego wie keine andere Publikation verwoben gewesen ist, ins Mark. Die deutsche Einheit, das Ende der bipolaren Welt, die Globalisierung, in der jeder mit jedem konkurriert, und das auf Teufel komm raus, Aufstieg und rigoroser Wettbewerb neuer Medien mit allumfassenden Informations- und Unterhaltungsvermittlungen, so dass der Abonnent von „Wild und Hund“ schon als Unikat, weil als Bücherwurm gilt: Das bedeutet, zusammengenommen, den Verlust der Übersichtlichkeit. Sie aber war das Kennzeichen der Bonner Republik, und der „Spiegel“ war das Passepartout dafür. Jetzt kreiselt der Kompass inmitten eines Wildwuchses. Wer orientiert und woran orientieren sich die Orientierer? Wieder ist der „Spiegel“ ein Spiegelbild, diesmal der deutschen Ratlosigkeit. Die Leser bei ihren Bedürfnissen abholen – aber welche Bedürfnisse? Keine „langen Riemen“, Auflockerung von Artikeln durch Kästchen und Einschübe, populärer Einstieg, flotte Schreibe, Rat geben, beim Leben helfen? In der Not wird in der Form die Tugend gesucht. Fündig wird man dabei nicht, auch wenn alle alles genauso machen.

Es ist die Krux in Revolutionen, und in einer solchen stecken wir, dass die Leute wissen, wogegen, aber nicht, wofür sie sind. Als Fixgröße fallen sie damit aus. Was bleibt, ist die Selbstbehauptung: einen Zustand analysieren, statt Häppchen zu servieren. Das bedeutet Zumutungen: Wer sich das ganze Bild machen will, muss lesen, von Anfang bis Ende. Das hat eine Segmentierung des Publikums zur Konsequenz. Zwischen denen, die sich der Mühe einer intensiven Lektüre unterziehen wollen und den anderen. Damit schießen Auflagezahlen nicht in die Höhe, im Gegenteil. Wo aber kommt dann das Geld her für Recherchen? Können noch mehrere Journalisten über Monate an einem Thema arbeiten, ohne von vornherein sichergehen zu können, dass sie damit auch zu einem guten Ende gelangen? Außer Spesen nichts gewesen? Eine Geschichte, lorbeerbekränzt, liegt hinter dem „Spiegel“, eine neue, mit vielen Fragezeichen vor ihm. Wie wird er sich und uns spiegeln? In 40 Jahren, zum 100. Geburtstag, gibt es die Antwort.

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