Medien : Beharrlich entspannt

Vor einem Jahr schmiss Gabi Bauer ihre ARD-Talkshow hin. Nun bietet sie ihren Kritikern im NDR „Paroli!“

Hannah Pilarczyk

Ihre Aufwärmphase ist definitiv vorbei. „Man kann noch so viel trainieren, Erfahrung gewinnt man erst im Spiel. Also soll es jetzt endlich losgehen“, sagt Gabi Bauer. Ihr Training bestand aus zwei Probesendungen und einigem Feilen am Konzept ihrer neuen Polit-Talkshow „Paroli!“. Wieder auf dem Platz stehen wird sie am Dienstagabend auf N3. Dort wird die ehemalige „Tagesthemen“-Moderatorin dann das versuchen, was bei der ARD so schief gegangen ist: nämlich beweisen, dass sie auch politische Talkshows kann.

Es ist noch nicht einmal ein Jahr her, dass Gabi Bauer (42) ihre gleichnamige Talkshow im Ersten hinwarf. Gefühlt ist sie aber länger vom Bildschirm fort gewesen. Als aus Quotengründen das Ende für „Gabi Bauer“ kam, hatte man die Show schon lang nicht mehr gesehen, so zäh und trocken war sie gewesen. „ARD kippt Gabi Bauer" titelten daraufhin die Zeitungen. Tatsächlich war Bauer aber den ARD-Chefs zuvorgekommen und hatte von sich aus die Sendung geschmissen. „Wenn das Pferd tot ist, soll man absteigen“, sagt sie heute. Ein typischer Bauer-Satz: knapp, verständlich und für Klartext fast ein bisschen zu charmant.

„Schnee von gestern“ nennt sie denn auch das Nachspiel, dass das Aus für ihre Show hatte. Bauer soll der ARD damals vorgeworfen haben, durch einen ungünstigen Sendetag und eine nicht optimal aufgestellte Redaktion der Sendung geschadet zu haben. Heute bestreitet sie das. Aber egal, wie viel Anteil die ARD am Scheitern hatte, bei „Paroli!“ wird Gabi Bauer sowieso vieles anders und wahrscheinlich auch besser machen. Der 45-minütige Polit-Talk ist streng durchkomponiert: Zu Beginn wird mit Hilfe eines Einspielfilms das Thema der Woche vorgestellt, anschließend diskutiert Bauer mit Gästen aus der Politik. Die zweite Hauptmoderatorin Susanne Stichler (bisher: „Hallo Deutschland!“, ZDF) spricht mit Menschen aus der Praxis. Zusätzlich gesteuert wird die Diskussion durch kurze Einspielfilme, die von außen Argumente in die Gesprächsrunden einbringen sollen. Das klingt nach einem guten Konzept – und nach einem bekannten, nämlich nach „Hart aber fair“ vom Westdeutschen Rundfunk. Moderator Frank Plasberg begrüßt in dieser Sendung auch Gäste aus Politik und Praxis und greift in die Debatte durch Einspielfilme ein. Alles nur geklaut bei „Paroli!“? Bauer kümmert der Vorwurf wenig: „Im Fernsehen wird schon lange nichts mehr neu erfunden. Talk, Zuschauerbeteiligung, Einspielfilm – viele Sender nutzen diese Elemente in unterschiedlicher Zusammensetzung.“ Und was ist mit der Sorge von Frank Plasberg, dass mit der Einführung eines weiteren Polit-Talks die Konkurrenz um Gäste zu groß werde und letztlich alle Sendungen gefährde? „Der NDR hatte vorher einen Polit-Talk“, sagt Bauer in Hinblick auf den eingestellten „Talk vor Mitternacht“ mit Hans-Jürgen Börner. „Jetzt hat er stattdessen einen anderen Polit-Talk – keinen zusätzlichen.“ Aber Plasberg könne doch bei Bedarf seine Sendung auch aus Berlin machen und so die Bundespolitiker „abgreifen“? Das ist dann doch eine Sache, die Bauer etwas wurmt – aber immer noch nicht so sehr, dass es ihr die Vorfreude auf die kommende Sendung verderben könnte.

Mit Bauer dürften sich übrigens auch viele Fernsehzuschauer über ihr Comeback freuen. Unlängst wurde sie von den Lesern einer Programmzeitschrift zur zweitbeliebtesten Talkshow-Moderatorin nach Sandra Maischberger gewählt, ohne aktuelle Sendung ein überraschendes Ergebnis. „Die Fernsehwelt ist doch nicht so schnelllebig, wie man denkt“, deutet Bauer den Erfolg. Gabi Bauer forever also? Das kann man auch boshaft auslegen. Hat der NDR keine eigenen Talente, die eine Chance bekommen sollten? Senderintern soll man sich gewundert haben, dass Bauer trotz des ersten Flops erneut zum Zug kommt – und das nicht nur bei „Paroli!“, sondern auch beim ARD-Format „Farbe bekennen“, für das sie gemeinsam mit ARD-Chefredakteur Hartmann von der Tann tagesaktuell Spitzenpolitiker interviewen wird.

Wahrscheinlich ist der Spontan-Talk ihre letzte Chance, den Fuß in der Tür zur ARD zu behalten. Und wahrscheinlich ist „Farbe bekennen“ auch die wahre Nagelprobe für Bauer. Dann muss sie – erstens – beweisen, dass sie zwei Jahre nach ihrer letzten „Tagesthemen“-Sendung und ein knappes Jahr nach ihrer letzten Moderation noch immer Durchblick in der Bundespolitik hat. Und sich – zweitens – neben von der Tann behaupten. Dem zur Dominanz neigenden Chefredakteur wird sie Einiges entgegensetzen müssen, um nicht untergebuttert zu werden. Aber genau dafür hat Gabi Bauer ein Talent. Sie ist ausdauernd beharrlich und gleichzeitig vollkommen entspannt.

Während ihrer „Tagesthemen“-Zeit pflegte Bauer Politikern dreimal hintereinander dieselbe Frage zu stellen, ohne dabei auch nur eine Spur nervig zu werden – sie forderte einfach die noch ausstehende Antwort ein. Diese persönliche Gelassenheit kombiniert mit inhaltlicher Präzision sind Bauers Stärken. Es könnte gut sein, dass diese Stärken bei „Paroli!“ wieder zum Tragen kommen.

„Paroli!“, vom 9. November an immer dienstags um 21 Uhr auf NDR.

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