Medien : Bei Absage Selbstmord

Der Verdi-Spot zur Ausbildungsmisere stößt auf Widerspruch

Joachim Huber / Merlind Theile

„Stand up and fight“: Ein Mädchen legt sich einen Strick um den Hals. „Stand up and fight“: Ein Mädchen fährt sich mit der Rasierklinge übers Handgelenk. „Stand up and fight“: Ein Junge drückt das Gaspedal durch und lenkt die Abgase ins Autoinnere. Drei Selbstmorde und eine Aussage: „Steh’ auf und kämpfe“ – auch wenn du keinen Ausbildungsplatz bekommen hast. Denn auch dieses Motiv kommt im Spot der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi wiederholt vor: Ein großes Blatt, auf dem ein Wort geschrieben steht: „Abgelehnt“.

Der düstere Videoclip lief bereits mehrere Male in den Musikprogrammen von Viva und Viva plus. Laut Verdi-Jugend soll er aufrütteln: „In Deutschland fehlen mehr als 150 000 Ausbildungsplätze. Jugend braucht Zukunft – Jugend braucht Perspektive.“ Ansonsten …

Jo Groebel, Direktor des Europäischen Medieninstituts, akzeptiert, dass „Jugendliche mit drastischeren Mitteln angesprochen werden, gröbere Reize und Inhalte um ihre Aufmerksamkeit werben“. Ein Sozialspot, der langweilig und nur gut gemeint ist, sei sinnlos. Was Groebel am Verdi-Werk stört, ist die „massive Emotionalität“ des Spots. Das Problem der fehlenden Ausbildungsplätze sei bereits hoch emotional und werde mit den gezeigten Suiziden emotional noch stärker befrachtet: „Ausgerechnet Selbstmord, ein Grundthema im Jugendalter, in dem Selbstfindung und Identitätsfragen noch gar nicht geklärt sind“, sagt Groebel. Der Film biete eine „Glorifizierung des Selbstmords“ – dieses potenzielle Risiko werde bewusst eingegangen und nicht vermieden. „Der Spot bietet keinen Weg raus aus dem Problem, er vermeidet jeden sachlichen, lösungsorientierten Ansatz“, meint der Medienexperte. Die Gewerkschaft unterstütze zudem eine falsche Gewichtung des Problems, indem suggeriert werde: „Hast du keinen Ausbildungsplatz, dann hast du auch keine Chance in der Gesellschaft.“

Claudia Mikat von der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) erkennt in dem Verdi-Spot dagegen keine suggestive Aufforderung zum Selbstmord. „Wir messen die Jugendgefährdung eines Films daran, inwieweit das gezeigte Verhalten attraktiv erscheint“, sagt Mikat. Eine solche Wirkung entfalte der Clip nicht. „Allerdings kann man sich sehr wohl darüber streiten, ob Verdi sich da nicht geschmacklich vergriffen hat“, sagt Mikat.

Was sowohl Groebel als auch Mikat irritiert, sind die Adressaten des Spots. Die jugendlichen Viva-Zuschauer würden die Situation längst kennen. Diesen Eindruck bestätigt auch ein Beitrag von „Focus TV“, in dem die von Verdi anvisierte Zielgruppe mit dem Spot konfrontiert wurde. Die Jugendlichen aus dem Berliner Bezirk Neukölln, wo die Rate arbeitsloser Jugendlicher überdurchschnittlich hoch ist, reagierten mit Unverständnis auf den Spot. „Dass es sehr schwierig ist, eine Lehrstelle zu bekommen, weiß ich selbst“, sagte ein 16-jähriges Mädchen. Der Spot beweise nur, dass es sich sowieso nicht lohne, Bewerbungen zu schreiben. „Stand up and fight“ – diese Message kam nicht an. Vielleicht auch deshalb, weil der Clip durchgängig englisch betextet ist.

Bei den Adressaten stiftet der Spot Verwirrung, und in den Medien hat er eine hitzige Debatte ausgelöst. Auch auf der Homepage der Verdi-Jugend wird er kontrovers diskutiert. „Ihr habt einen Knall, wenn ihr meint, dass man mit dem Thema Selbstmord von Jugendlichen Werbung für sich machen kann“, schimpft ein User. Der Spot trage nicht dazu bei, dass sich die Lehrstellensituation in Deutschland verbessere. „Für sowieso schon depressive Jugendliche lautet die Botschaft doch unterschwellig: ,Du hast keine Lehrstelle – dann bring’ dich doch um!’“

Matthias Lindner, der jugendpolitische Sprecher von Verdi, zeigt sich „von den massiven Reaktionen überrascht“ und nennt die Kritik der Medien „scheinheilig“: „Nicht der Spot ist der eigentliche Skandal, sondern die Situation.“ Vor der kostenlosen Ausstrahlung bei Viva und Viva plus sei der Film der Düsseldorfer Agentur Syrius übrigens getestet worden: „Die größte Ablehnung kam nicht von den Jugendlichen, sondern von der Gruppe der 35- bis 45-Jährigen, offenbar von den Eltern, deren Kinder Probleme mit einem Ausbildungsplatz haben“, sagt Lindner.

So groß die Ablehnung auch sein mag – einige positive Stimmen gibt es doch. „Obwohl ich kein Gewerkschaftsfan bin, finde ich diesen Clip absolut genial“, schreibt ein User auf der Verdi-Homepage, „gerade weil er so heftig, so bewegend ist!“ Abseits aller Geschmacksfragen ist Verdi eines mit Sicherheit gelungen: die Provokation.

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