Medien : Bei Honeckers

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Tom Peuckert verrät,

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Im Grunde haben wir den letzten Staatschef der DDR längst vergessen. Für Erich Honecker ist kein Platz in der Ahnengalerie sozialistischer Tyrannen.

Er war ein mittelmäßiger Herrscher, im Guten wie im Schlechten. Ein bisschen Liberalität, ein bisschen Terror. Ein bisschen Utopie, ein bisschen Spießerglück. Am Ende ist die DDR an ihrer eigenen Mittelmäßigkeit erstickt und Honecker musste – der Epilog als Farce – ins Kirchenasyl. Dort hat er lange Gespräche mit einem vertrauten Journalisten geführt. Die Bänder sind nun aufgetaucht und stehen im Mittelpunkt des Features „Ein Jahr mit Erich“ von Ed Stuhler. Der Greis ist frisch von der Macht verstoßen und reflektiert den Stand der Dinge. Er interpretiert seinen Sturz als Putsch im Politbüro und erinnert sich, wie „kulturvoll“ er einst Walter Ulbricht aus dem Amt drängte. Wir lernen einen privaten Honecker kennen, ohne zeremonialen Pomp und ideologische Maskerade, soweit das einem Zögling der sozialistischen Nomenklatura möglich war (Radio Kultur, 25. August, 14 Uhr, UKW 92,4 MHz).

Irgendwann in seinem letzten Amtsjahrzehnt hat Honecker auch eine Autobiografie veröffentlicht. Sein Leben, von den proletarischen Anfängen im Saarland bis auf die Gipfel der Macht. Man darf annehmen, dass die Rezensenten der DDR das kleine Büchlein damals einhellig lobten. Jede Kritik wäre ein Verstoß gegen die Staatsräson gewesen. Da hat es die neue deutsche Literaturkritik, die ohne politischen Druck arbeitet, natürlich leichter.

Obwohl ganz eigene Fallstricke auf dem bunten Markt literarischer Geschmacksurteile lauern. Gleich zwei Sendungen widmen sich in der kommenden Woche diesem Thema: Mit „Ich habe mich gelangweilt“ ist ein Rundtischgespräch führender deutscher Literaturkritiker überschrieben (Deutschlandrandradio, 27. August, 19 Uhr 05, UKW 89,6 MHz). „Die Zeit ist kurz, die Bücher sind lang“ heißt ein Feature von Franz Schuh (SWR 2, 27. August, 21 Uhr, Kabel UKW 107,85 MHz). Der Literaturkritiker, als Meister der Selektion betrachtet. Ein Vorkoster mit robustem Magen, der dem breiten Publikum manche Unannehmlichkeit erspart. Doch immer weniger ist er, wie Lessing einst forderte, ein nationaler Pädagoge und Zuchtmeister des öffentlichen Geschmacks.

Nicht zuletzt sei an dieser Stelle auf zwei Hörspiele nach anerkannt weltliterarischen Texten verwiesen: Mit Joseph Roth lernen wir die grellbunte Emigrantengesellschaft im Prager „Hotel Savoy“ kennen (Deutschlandfunk, 24. August, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz). Und Arthur Schnitzler erzählt den paradoxen Mechanismus einer „Liebelei“ im Wien der Jahrhundertwende (Deutschlandradio, 25. August, 18 Uhr 30).

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