Medien : Bei Stalins Zuhause

ZDF-Reihe will den russischen Diktator erklären – und scheitert

Thomas Gehringer

Am 5. März vor 50 Jahren starb Josef Stalin in Moskau. Die Trauer über den Tod des kommunistischen Herrschers war groß in der Sowjetunion. Aber „ich trauerte nicht dem richtigen Stalin nach, sondern dem Stalin-Mythos, dem Stalin-Märchen“, sagt der mittlerweile verstorbene russische Schriftsteller Lew Kopelew im ZDF. Und Dodo Tschitschinadse vom Bolschoj-Theater erinnert sich: „Es gibt etwas, das ich bis heute nicht erklären kann. Aber ich habe auch geweint.“ Wenn es neben den bekannten Fakten – dem Sieg über die Nazi-Barbarei und den die eigene Barbarei verschleiernden Personenkult – noch etwas gab, warum auch kritische Zeitgenossen um Stalin trauerten: Das ZDF kann es uns nicht erklären, jedenfalls nicht im ersten Teil („Der Mythos“, heute um 20 Uhr 15) der „Stalin“-Reihe, die dem Publikum noch den „Kriegsherrn“ (11. März) und den „Tyrannen“ (18. März) vorstellen will.

Die Mainzer Zeitgeschichtler tun, was sie unter der Leitung von Guido Knopp immer tun: Sie dramatisieren statt zu analysieren. Das hat im Primetime-Fernsehen durchaus seine Berechtigung und kann auf seine Weise aussagekräftig sein. So lernen wir Engelzina Markizova kennen, die Teil der großen Bilderlüge wurde, mit der auch Stalin arbeitete. Der Diktator ließ sich 1936 mit der kleinen Engelzina auf dem Arm fotografieren. Das Bild vom kinderfreundlichen Vater der Sowjetunion wurde fortan bei Aufmärschen durchs Land getragen. Engelzina Markizova erinnert sich dagegen besser daran, dass ihr wirklicher Vater am 11. Dezember 1937 verhaftet wurde und nicht wieder zurückkehrte. Hier wird immerhin die Geschichte hinter dem Propaganda-Bild erzählt. Wenn Zeitzeugen den erlebten Schrecken schildern, ist das allemal eindrucksvoller als alle Statistiken von Millionen Toten.

Ansonsten freut sich das ZDF, einige Novitäten präsentieren zu können: Es zeigt „bisher unter Verschluss gehaltene Todeslisten, die Stalin selbst unterzeichnete“ und erstmals einen Film „vom Begräbnis der Stalin-Mutter, bei dem der Sohn sich nicht blicken ließ“. Überhaupt beschäftigen sich die Autoren Peter Adler und Bärbel Schmidt-Sakic ausgiebig mit Stalins Familie, mit seiner womöglich ermordeten Ehefrau und seinem unehelichen Sohn. Das ähnelt zuweilen der Boulevard-Berichterstattung.

Gerne wird hier Stalin auch mit Hitler verglichen. Den Höhepunkt bildet eine hanebüchene Szene um zwei Klassenfotos. Beide noch jugendliche Herren waren jeweils in der obersten Reihe, Mitte, postiert. Beide zeigten „denselben selbstbewussten Ausdruck“, wie die Autoren enthüllen. Und dann raunen sie uns noch ins Ohr: „Zufall?“ Da hat das ZDF aber mal was entdeckt, was die historische Forschung wirklich sträflich vernachlässigt hat: Position und Gesichtsausdruck angehender Despoten auf Klassenfotos. Das ist Zeitgeschichte auf Mainzelmännchen-Niveau.

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