Medien : „Beifall ist nur Glück auf Zeit“

Sagt „Dittsche“ alias Olli Dittrich, der seine Fernsehfigur gerne erklärt. Ein Gespräch über Quatsch und schwule Möwen

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Hallo Herr Dittrich, wie geht’s Dittsche?

Dittsche geht’s immer mehr oder weniger gleich gut. Einem, der einen Freifahrtschein hat, dem kann’s doch gar nicht schlecht gehen. Dittsche ist ja jemand, der nicht wirklich für das verantwortlich gemacht werden kann, was er sagt. Ein Verlierer, aber ein liebenswerter.

Ist Dittsche totaler Quatsch?

Nein, Dittsche erzählt zwar viel Quatsch, aber er spiegelt nur all den Quatsch, den es tatsächlich gibt. Dittsche entspricht zu 100 Prozent meiner Vorliebe und meiner Begeisterung für das Milieu der kleinen Leute und für das kleine Glück, für Angeberei, für Leute, die Dinge behaupten, nur um sich wichtig zu machen, für Menschen , die die Dinge, die ihnen vorgegaukelt werden, schlicht für bare Münze nehmen, die die „Bild“-Zeitung als eine Art Bibel ansehen und tatsächlich glauben, dass ein Forscher sich über Jahre von Licht ernährt hat, wenn es, wie geschehen, in „Bild“ steht. Natürlich ist das Quatsch. Aber es wird nicht noch mehr Quatsch daraus, wenn einer wie Dittsche das für bare Münze nimmt und folgert, dass man dann ja bei Dunkelheit verhungern müsse.

Dittsche versucht also nichts anderes, als sich diese mysteriöse Welt zu erklären?

Er hat auf jeden Fall auf viele Dinge, die keiner mehr versteht, Antworten. Die Dittsches dieser Welt triumphieren ja nur deshalb, weil sie in dem Moment, in dem sie ihre Erklärungen und Verschwörungstheorien formulieren, rational nicht zu widerlegen sind. Ingo, der Imbissmann, versucht zwar immer bis zu einem gewissen Punkt dagegen zu argumentieren, aber irgendwann muss auch er passen.

Wie viele Dittsches sind unter uns?

Wenn ich den Reaktionen glauben darf, die noch nie so zahlreich waren wie bei Dittsche, dann kennt fast jeder Zweite einen Dittsche, egal in welchem sozialen Milieu er lebt. Diese Typen gibt es offenbar überall. Angeben scheint an keine Schicht gebunden zu sein. Es muss nicht immer der Prolet sein, der deppert ist.

Warum haben Sie dann einen Proleten für Ihren Dittsche genommen?

Weil ich mit dem Milieu, aus dem er kommt, sehr symphatisiere. Menschen, die nichts Großes zu bieten haben und ganz genau wissen, dass sie von dem, was es so alles Gutes und Schönes gibt, nie etwas haben werden. Die das alles nur von Ferne bewundern können und sich an einem wie Schumacher orientieren, der stellvertretend für sie durchs Ziel fährt. Einer wie Dittsche, der nichts wirklich hinbekommt, aber genau weiß, warum Schumacher nicht gewinnen konnte, besitzt eine komische Fallhöhe, die kaum zu übertreffen ist. Dittsche weiß immer alles – ich finde das herrlich.

Was gefällt Ihnen an den Dittsches dieser Welt, die eigentlich furchtbar nerven?

Ich habe große Sympathien für tragische Momente und tragische Lebensläufe. Mein Lebensweg, auch mein künstlerischer, ist schließlich auch geprägt von vergeblichen Versuchen, falschen Wegen, Niederlagen und großen Ambitionen, aus denen nichts wurde.

Auch Sie: immer auf der Suche nach dem großen Glück?

Mir genügt das kleine Glück. Zufriedenheit mit dem, was man macht. Trotz aller Hindernisse, die es immer gibt. Die meisten Menschen orientieren sich am Mehr-Haben, am Mehr-Können als die anderen. Ich sympathisiere sehr mit Menschen, die da nicht mithalten können.

Sind Sie wirklich sicher, dass Ihnen das kleine Glück genügt?

Ich glaube, dass das kleine auch das große Glück ist. Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass es darauf ankommt zu beachten, wer man ist und was man kann. Man muss sich frei machen vom Beifall von außen. Beifall ist nur Glück auf Zeit. Wichtig ist die Freiheit, machen zu können, was man will. Ich möchte in Bereiche vordringen, in denen ich noch nicht war. Mir Aufgaben stellen, die ich bewältigen muss. Das nenne ich Glück.

Wie anstrengend ist Dittsche für Sie?

Überhaupt gar nicht. Von dem Augenblick an, in dem ich mir den Bademantel überstreife, bin ich zu 100 Prozent Dittsche. Diese ganzen verrückten Themen, das sind für mich lauter Sahnehäubchen. Sie glauben gar nicht, wie ich mich darauf freue, das alles live los zu werden. Ist doch irre, dass es in Bochum schwule Möwen geben soll, die schwul geworden sein sollen, weil sie weggeworfene Antibabypillen gefressen haben sollen. Das stand tatsächlich so in einer Zeitung. Ich finde so was toll.

Ist es Ihnen nicht manchmal ein bisschen unheimlich, für diesen ganzen Irrsinn so viel Beifall zu bekommen?

Ob das Irrsinn ist, das kann ich Ihnen nicht sagen. Nonsens, das ja, klar. Aber zeigen Sie mir doch mal jemanden, dem man alles glauben kann. Sie werden keinen finden. Bei Dittsche ist doch offensichtlich, dass man ihm nichts glauben kann. Jeder spinnt gerne mal rum, wenn vielleicht auch nur hinter vorgehaltener Hand. Dittsche darf frei reden. Er tut ja niemandem was. Deshalb wirkt er so symphatisch.

Sie glauben, dass Ihr Dittsche sympathisch wirkt?

Ja, das glaube ich. Weil meine ganze Liebe in dieser Figur steckt. Weil ich mein Herz öffne. Ich weiß, dass es auch Menschen gibt, die damit nichts anfangen können, und die das auch nicht lustig finden. Das macht doch nichts.

Seit wann ticken Sie wie Dittsche?

Mir haben sich das Skurrile und Entgleiste seit frühester Kindheit aufgedrängt. Ich fand das immer schon komisch.

So ist das also: Sie sind Dittsche!

So weit geht es nicht. Mein Über-Ich funktioniert noch ganz gut.

Aber Dittsche steht Ihnen sehr nahe.

Sagen wir mal so: Auch ich habe einen Hang zur Unleidlicheit, wenn ich etwas machen muss, was mir gegen den Strich geht.

Aber Sie haben sich immer durchgebissen – anders als Dittsche und Co.

Ich bin eben ein echter Soldat. Diszipliniert und fleißig. An Dingen arbeiten und nicht immer gleich aufgeben, das fand ich schon immer richtig und gut. Schief geht’s immer dann, wenn man weitermacht, auch wenn man weiß, dass es nicht der richtige Weg ist.

Haben Sie Respekt vor dem Erfolg?

Absolut. Aber auch vor dem Misserfolg. Es kommt immer darauf an, welche Schlüsse man daraus zieht.

Sie haben mal gesagt, im Leid liege eine große Kraft. Damit sind wir beim Thema Fußball und Ihrem Satz, es müsse wieder eine Ehre sein, für die Nationalmannschaft zu spielen. Das klingt, als wären Sie der wahre Enkel Konrad Adenauers.

Wenn schon Enkel dann von Uwe Seeler, den ich sehr verehre. Für Seeler und seine Kollegen war es noch etwas Besonderes, für die Nationalmannschaft zu spielen. Eine Ehre, wenn Sie so wollen. So sollte es sein.

Wie weit kommen die Deutschen bei der Fußball-WM?

Das Viertelfinale ist drin. Wenn Sie ausscheiden sollten, dann bitte mit Grandezza.

Sie nehmen Fußball ernst, oder?

Ich gehe seit 30 Jahren ins Stadion, ich bin das 25000. Mitglied des HSV, Uwe Seeler war mein großes Vorbild. Ich wollte sogar mal Profi werden.

Das hat ja nicht so geklappt. Woran hat’s gelegen?

Ich war zu schlecht. Glück gehabt.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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