Medien : Bemüht, aber erfolglos

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Von Corinna Budras

Das American Jewish Committee (AJC) kritisiert die „zunehmend aggressiven Töne gegen Israel in deutschen Medien“. Eine Studie des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung zeige, dass antisemitische Stereotypen das Bild Israels in der deutschen Öffentlichkeit prägen. Die Studie wurde vom AJC in Auftrag gegeben und am Freitag in Berlin vorgestellt. Das Institut hat im Zeitraum vom 28. September 2000 bis 8. August 2001 sieben deutsche Printmedien bei der Berichterstattung zu vier verschiedenen Ereignissen ausgewertet und stellte „unübersehbare Schwächen“ fest.

Im Rahmen der Studie wurden 427 Artikel aus der „FAZ“, der „Frankfurter Rundschau“, der „Süddeutschen Zeitung“, dem Tagesspiegel, der „taz“, der „Welt“ und dem „Spiegel“ untersucht. Das erste Ereignis, zu dem es mit 183 Artikeln die größte Resonanz gab, ist der Besuch auf dem Tempelberg des jetzigen Premierministers Ariel Scharon am 28. September 2000. In den deutschen Medien wurde dieses Ereignis einhellig als Auslöser der zweiten Intifada angesehen. Das Institut mokiert, dass die Rolle von Palästinenserführer Jassir Arafat überhaupt nicht kritisch untersucht worden sei: „Die Möglichkeit, dass Arafat die Intifada absichtlich vom Zaun gebrochen habe, wird im gesamtdeutschen Printmedien-Diskurs kaum angesprochen.“ Die weiteren markanten Ereignisse, die analysiert wurden, waren der Tod des palästinensischen Jungen Mohammed al-Dura, der angeblich durch die Kugeln israelischer Soldaten starb, die Lynchmorde der israelischen Soldaten in Ramallah und das Selbstmordattentat vor der Diskothek in Tel Aviv.

Der Hauptvorwurf gegen alle Zeitungen bezieht sich auf die „starke Negativcharakterisierung“ der Israelis. Prominenteste Negativgestalt ist Ariel Scharon, der fast durchgängig mit abwertenden Begriffen charakterisiert wurde, die mitunter einen Bezug zu jüdischen Stereotypen aufwiesen: So wurde er von der „FAZ“ als „Schlächter“, „schmerbäuchiger alter Kriegsverbrecher“ und als „nationalistisch“ bezeichnet. Die „Frankfurter Rundschau“ nannte ihn einen „Bulldozer“ und „Kriegstreiber“, die „taz“ einen „Bullen“ und der Tagesspiegel einen „Brandstifter, der den Friedensprozess“ torpediere.

Weiterhin hat die Studie festgestellt, dass besonders die israelische Armee und die Siedler angegriffen worden seien. So ist in der „taz“ vom „brutalen Massaker am palästinensischen Volk“ die Rede. Die „Welt“ schrieb, dass „ein Trupp Soldaten wie eine Kohorte römischer Legionäre durch die Via Dolorosa stürmt“. Die Siedler wurden regelmäßig als „jüdische“ bezeichnet, womit ein eindeutiger Zusammenhang zu ihrer Religion hergestellt werde.

Auch von den Palästinensern und insbesondere von Arafat hätten die Medien ein negatives Bild gezeichnet, behauptet die Studie: Arafat wird als „geschwächt“ und „umstritten“ („FAZ“) charakterisiert. Er führe ein „dümmliches und korruptes Regime“.

Zwischen nachrichtlichen Texten und Meinungsbeiträgen hat die Studie allerdings nicht unterschieden.

Kritisiert wurde zudem die Taktik, Palästinenser als Kritiker an Israel einzusetzen, um sich aus historischen Gründen nicht selbst dem Vorwurf antisemitischer Tendenzen auszusetzen. Das Insitut stellte klar, dass nicht die Berichterstattung insgesamt antisemitisch sei. Die Texte eigneten sich aber oftmals dazu, „in deutschen Diskursen vorhandene antisemitische Vorurteile zu reproduzieren oder auch erst herzustellen.“

Positives rang die Studie der deutschen Nahost-Berichterstattung dennoch ab. Das Institut stellte ein „ostentatives Bemühen“ fest, beiden Seiten mehr oder minder gerecht zu werden. „Dass dieses Bemühen erfolgreich ist, kann jedoch nicht gesagt werden“, heißt es einschränkend.

Zurzeit gibt es nur eine Kurzfassung der Studie. Angesichts der aktuellen Debatte wurde sie nun vorzeitig veröffentlicht.

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