Medien : Bequem ging es nicht

Erich Böhme ist tot: Ein „Spiegel“-Chef, ein Talkmaster, ein Journalist

Joachim Huber

„Urgestein“, dieses so oft und oft so schnell hingeworfene Prädikat, hier hat es seine ureigenste Berechtigung. Denn Erich Böhme ist tot; ein Journalist, der 17 Jahre lang Chefredakteur beim „Spiegel“ war, ein Journalist, der die politische Talkshow im deutschen Fernsehen begründet hat. Ein Mann, wie er im Lehrbuch der aufgeklärten wie aufklärerischen Publizistik zu stehen hat.

Bei den wesentlichen Bedingungen für solchen Erfolg, eine profunde journalistische Ausbildung und eine gehörige Portion an Lebenserfahrung, konnte dem diplomierten Nationalökonomen Erich Böhme kaum jemand das Wasser reichen. 1958 wechselte der Hesse, geboren am 8. Februar 1930 in Frankfurt am Main, von der „Deutschen Zeitung“ zu dem publizistischen Zentralorgan der Bundesrepublik, zum „Spiegel“, auf eine Empfehlung seines Freundes Günter Gaus hin. Er wurde Wirtschaftskorrespondent in der Bonner Redaktion, deren Leitung er 1969 übernahm. Bereits vier Jahre später folgte er Gaus als „Spiegel“-Chefredakteur. Böhme war gesuchter Gesprächspartner aller deutscher Wirtschaftsminister von Ludwig Erhard (CDU) bis Helmut Haussmann (FDP) und mehrerer Bundeskanzler, unter ihnen Willy Brandt, mit dem ihn eine „Spaziergänger-Freundschaft“ verband. Daneben befestigte er den Ruf des „Spiegel“ als „Enthüllungsjournal“. Von der Affäre um die HS-30-Schützenpanzer in den 60er Jahren bis zum Fall des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel im Jahr 1987. Auch „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein zweifelte am Wirklichkeitsgehalt der Geschichte (und an seinem Chefredakteur), doch Böhme drückte die Titelgeschichte durch. Als die wahre Dimension offenbar wurde, konnte Böhme den Politskandal als einen, wenn nicht als den Höhepunkt seiner Karriere einstufen.

17 Jahre lang war er der Chefredakteur des Nachrichtenmagazins, bei aller Zugeneigtheit zu seiner Redaktion kein bequemer Mann, wie Wegbegleiter und Beobachter sagen, immer bereit, mit dem noch unbequemeren Augstein den Konflikt auszutragen. Publizistische Nachhaltigkeit, ein Heft in voller wirtschaftlicher Auflagenblüte hinderten Böhme Ende 1989 nicht, um die Auflösung seines Vertrages zu bitten. Im Herbst des Wendejahres hatte Böhme im „Spiegel“ kernig formuliert: „Ich möchte nicht wiedervereinigt werden.“ Augstein konterte schnell und kontrovers: „Ich will wiedervereinigt oder neu vereinigt werden.“ Es kam zur Trennung. „Mit Augstein“, so sagte Böhme später, „kann man sich gut vertragen, wenn man eines respektiert: seinen Primat als Eigentümer und Herausgeber des ,Spiegel‘“. Augstein selbst diktierte der Zeitschrift „Tempo“ 1993: „Schreiben Sie: Ich vermisse ihn sehr.“

Da arbeitete Erich Böhme schon als Herausgeber der „Berliner Zeitung“. Bis Dezember 1994 war er das, sein „deutsches Abenteuer“ hat er das genannt. Böhme agierte nicht als die West-Axt im journalistischen Ost-Wald. „Klimamaschine“ wurde ihm nachgerufen, so wie er den Umbau des SED-Bezirksblatts in eine unabhängige Zeitung mit ehrgeiziger Redaktion bewerkstelligte. Die „Washington Post“, die er wollte, die bekam er dann doch nicht hin. Böhme konnte mit Menschen, seine Jovialität verband sich mit der Hingabe zu Genuss und Geschmack, ein „Herr“ wäre er gerne geworden, ein „hessisches Schlappmaul“ (B. über B.) ist er geblieben.

Der Zeitungsmann landete beim Fernsehen, eine Laufbahn, die nur wenigen vorbehalten war. Der „Talk im Turm“, später „Der Grüne Salon“, dann der „Talk in Berlin“, alles Sendungen im privaten Fernsehen. Da führte Böhme, freundlich bis maliziös lächelnd, die unterschiedlichsten Gäste zu oft harschen Auseinandersetzungen. Pragmatisch, unideologisch, mit klarstem Blick auf die politischen Zusammenhänge, aber der Chef im Ring, so drehte sich Böhme in seinen Runden und so drehte er seine Brille. Der größte Fehler seiner Talkgäste war, seinen weichen Tonfall, seine Menschenfreundlichkeit mit intellektueller Gemütlichkeit zu verwechseln. Lange konnte er warten, bis er zuschnappte, die Pointe machte, die Hierarchie erneuerte.

Erich Böhme war vier Mal verheiratet. Zuletzt kam er zu seiner ganz privaten und höchst glücklichen Wiedervereinigung, als er sich Angelika Unterlauf, der früheren Star-Sprecherin der „Aktuellen Kamera“ im DDR-Fernsehen, verband. Gemeinsam zogen sie nach Worin, das noch in Brandenburg und fast schon in Polen liegt. „Ich erfahre so vieles von ihr, was ich nicht kenne“, sagte Erich Böhme. Er fragte viel, er hörte zu, denn er war stets ein neugieriger Mensch.

Am Samstag ist Erich Böhme gestorben, mit 79 Jahren.

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