Medien : Berichterstattung: Was passiert in Afghanistan?

Joachim Huber

"America strikes back." Der amerikanische Nachrichtensender CNN und seine deutsche Partnerstation n-tv zögern keine Sekunde: "Breaking News", geteilte Bildschirme, Live-Bilder vom Nachthimmel über Afghanistan, Star-Reporterin Christiane Amanpour meldet sich mit heiserer Stimme aus der pakistanischen Hauptstadt Islamabad, Nachricht auf Nachricht wechselt sich mit Einschätzungen von Experten ab. Alle News-Sender, natürlich auch BBC World und der Kirch-Sender N 24, haben nur noch ein Programm. Die ARD ziert sich, sie zögert, bringt mit einer seltsamen Ruhe die "Lindenstraße" zu Ende, ehe das Erste mit einer Sonderausgabe der "Tagesschau" Anschluss sucht an ZDF und an RTL, die längst das Regelprogramm umgeworfen haben. Die ARD sendet hinterher, sie spielt die Rede von US-Präsident von George W. Bush ein, nachdem sie bei der Konkurrenz des Zweiten schon längst live gesendet worden war. Peter Hahne vom ZDF-Hauptstadtstudio informiert über die Reaktion von Bundeskanzler Schröder, die ARD ... Nein, das Erste scheint noch auf einen geruhsamen Sonntag zu hoffen. Der Privatsender RTL, wie bei den Terrorangriffen am 11. September fix und kompetent, hat die größte Schlagzeile - "Krieg gegen den Terror" - und bewegt sich fortan in der Nachrichtenspur der Konkurrenz.

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Fotostrecke: Militärschlag gegen das Taliban-Regime Gut, die Sender sind unterschiedlich rasch beim Thema, doch die Fernsehzuschauer können sich zügig und umfassend informieren. Das Medium ist präpariert, in aller Welt können die Korrespondenten abgerufen werden, Afghanistan scheint geradezu eingekreist von Berichterstattern. Über Telefon werden Ohren- und Augenzeugen zugeschaltet. Wirklich schlauer wird der Zuschauer nicht, doch bekommt er das Gefühl vermittelt, dass ihn auch diese kriegerische Auseinandersetzung live erreicht. Und die Bilder, denen immer noch die größte Beweiskraft zugebilligt wird? Es gibt sie nicht, es gibt nur dieses grün flimmernde Motiv aus dem Kriegsgebiet. Die Nicht-Bilder, die Mutmaßungen und Einschätzungen, erinnern sie nicht fatal an den Golfkrieg?

Es gibt ganz kleine Unterschiede: CNN spielt wieder und wieder Aufnahmen des Sender Al-Dschahira ein, der in Doha, Hauptstadt Katars, ausgestrahlt wird. Der arabische Sender Al-Dschasira strahlt kurz nach den ersten amerikanischen Angriffen auf Afghanistan ein nach den Terroranschlägen in den USA aufgenommenes Video aus, das Osama bin Laden zusammen mit dem ägyptischen "Terror-Doktor" Aiman el Zawahiri und dem Sprecher der Terrororganisation "El Kaida", Suleiman Abu Gheith, in einem Versteck in den Bergen zeigt. Osama bin Laden und seine Anhänger haben am Sonntag die Moslems in aller Welt zum Heiligen Krieg aufgerufen.

Winfried Scharlau, der sich im umfunktionierten "Weltspiegel" der ARD zu Wort meldet, spricht aus, was sich im Lauf des Abends wieder und wieder bestätigt: Eigentlich wissen wir nichts, wir raten und spekulieren nur darüber, was genau sich in Afghanistan abspielt. Der Gegenschlag der Amerikaner und ihrer Alliierten wird auch ein Hin und Her, ein Für und Wider der gefilterten Informationen werden. Auch hier deutet sich Golfkrieg II an, wieder ein Propagandakrieg.

Die Not, dass die Sender mehr zeigen wollen und müssen als das Grün-Bild aus Afghanistan, wird zur eigentümlichen Tugend. Eine Seltenheit an einem Sonntagabend im deutschen Fernsehen: Ausgreifend wird dokumentiert und dargestellt, was sich in Afghanistan abspielt, was unter dem Taliban-Regime zu verstehen ist, welche Waffenarsenale wohl zum Einsatz kommen werden. Osama bin Laden erklärt seine Ziele und seine Motivation auf den Fernsehschirmen, die eigentlich "Tatort" im Ersten und im Zweiten ein Melodram zeigen sollten. Abseits der Hauptprogramme surrt die Unterhaltungs-Maschine.

Wer weniger an Hintergründen interessiert ist, der lässt CNN, n-tv oder BBC World eingeschaltet. Er wird Zeuge, wie US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die Militär-Aktion in Daten und Fakten erläutert, und er hört die Rechtfertigungen und Erklärungen zahlreicher Politiker. Die Fragewellen bei der Pressekonferenz im Pentagon brechen sich ein ums andre Mal an Rumsfeld: "We do not discuss our operations." Je mehr Worte er macht, desto weniger sagt er. Die US-Journalisten stellen die richtigen und die wichtigen Fragen, aber es wird umso deutlicher, dass die Journalisten nur die Antworten bekommen, die die Militärs und Politiker geben wollen.

Unzweideutig wird CNN wieder zur vorauseilenden Quelle vieler anderer Stationen. Eberhard Piltz, Washingtoner Korrespondent des ZDF, erzählt den Zuschauern, was er bei CNN sieht. CNN ist live, CNN ist Kriegsberichterstatter, CNN ist auch US-zentriert. Partnersender n-tv steigt aus der Pressekonferenz aus. Erkennbar spielen die Programme auf Zeit: Für 21 Uhr 30 ist eine Erklärung von Kanzler Schröder angekündigt. Zusammenfassungen werden geliefert, wieder laufen die Bilder der brennenden Twin Towers, das Erste hat Tritt gefasst: Claus Kleber hat die unsichere Patricia Schlesinger abgelöst. Welches Programm auch immer versucht, die Ereignisse abzubilden und sie zugleich einzuordnen, der muss CNN hinterherhinken. Der Zuschauer zappt vom Erklär-Kanal zum Live-Fernsehen und bleibt doch mit dem Wirrwarr seiner Emotionen allein.

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