Medien : "Berlin: die Sinfonie der Großstadt": Nicht schön, aber ehrlich

Joachim Huber

Vielleicht ist das ja geglückter Föderalismus: Berlin ist die Hauptstadt, aber ein herausragender Film über die Hauptstadt Berlin, der kommt aus Baden-Baden. Der Südwestrundfunk wird den sinfonischen Dokumentarfilm "Berlin: Sinfonie einer Großstadt" produzieren und zu weiten Teilen finanzieren. Diese ARD-Anstalt besitzt, anders als der Sender Freies Berlin, die pekuniäre Potenz, sie verfügt über den redaktionellen Willen und über die künstlerischen Protagonisten. Das Filmprojekt, am Montag in Berlin vorgestellt, erreicht große Dimensionen: ein Budget von fast zwei Millionen Mark, Thomas Schadt - in Personalunion Regisseur, Autor und Kameramann - hat "100 plus X" Drehtage, Iris ter Schiphorst und Helmut Oehring sitzen das Jahr über an der Orchester-Partitur für die 70 Film-Minuten, das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg wird bei der Welturaufführung am 10. April 2002 in der Staatsoper Unter den Linden spielen. Danach geht die teamWorx-Produktion von Nico Hofmann in die Kino-Auswertung, anschließend ins Fernsehen - erst Arte, dann ARD.

Der Aufwand steht für die Anstrengung, die Anstrengung für den Anlass: 75 Jahre nach der Premiere von Walter Ruttmanns cineastischem Wurf "Berlin: Die Sinfonie der Großstadt" soll sich "Berlin: Sinfonie einer Großstadt" mit seinem Vorbild messen können. Mit Thomas Schadt wagt sich einer der führenden Dokumentarfilmer ("Der Kandidat") an eine Neufassung und an die Neuinterpretation des Motivs Stadt. Schadt hat sich, wie er berichtete, mit der Ruttmann-Tochter getroffen und vereinbart: "Kein bloßes Nachstellen, keine Verkitschung, keine Verwendung von Ausschnitten oder das billige Ausbeuten eines großen Filmtitels". Schadt will Ruttmann nachfolgen (deshalb auch der variierte Filmtitel), nachäffen will er ihn nicht - bei allen Parallelen. So dreht Schadt in 35mm schwarz-weiß, es wird ein Stummfilm mit sinfonischer Musik. Iris ter Schiphorst und Helmut Oehring, zwei Vertreter der "Neuen Musik"-Szene, wollen "keine Musik abliefern, die nur die Bilder bedient, sondern eine eigenständige Bilderwelt in der Musik erschaffen". Die Musik müsse für sich funktionieren wie auch das Bild - und beides muss zusammenspielen. Bei einem Film, der im Verhältnis 30 : 1 produziert wird (30 gedrehten Sequenzen steht eine verwendete gegenüber), wird das Zusammenspiel schwierig. Oehring und ter Schiphorst bieten deshalb "Sound-Skizzen" an, die zu den Bildern passen könnten, ehe "auskomponiert" wird. Originaltöne werden nicht vorkommen.

"Berlin: Sinfonie einer Großstadt": Die Stadt sei das Hauptmotiv, betonte Schadt, und Berlin sei das Beispiel für "eine Stadt im dritten Jahrtausend". Er wolle nicht die üblichen Berlin-Bilder bedienen, "zwar Berlin zeigen, aber in ver-rückter Perspektive". Berlin soll sich darstellen als "eine ehrliche, keine schöne Stadt. Wir drehen keinen lieblichen Film." Bei der Bildästhetik hat sich Schadt die Reduktion der filmtechnischen Mitteln vorgenommen. Er will keine extremen Brennweiten und kein zusätzliches Licht einsetzen, verzichtet auf Schienen für Kamerafahrten. Die Konzentration gilt der Bildgestaltung, der Schnitt erzeugt Bewegung und Dynamik, der Rhythmus teilt sich über die musikalische Struktur mit.

Schadts Film setzt ein, wo Ruttmanns Film aufgehört hat: bei einem Feuerwerk. Schadt wird aus der Nacht kommen, über einen Berlin-Tag wieder in die Nacht gleiten. Während die Zeitachse einen chronologischen Verlauf zeigt und ein Tag die Klammer setzt, wird der Inhalt Facetten und Einschübe mischen. Facetten wie Szenen aus dem Alltag: "Menschen gehen zur Arbeit", "sie kehren in Bars und Clubs ein" oder "sie besuchen Kaufhäuser". Einschübe - Schadt sprach auch von "Vertiefungen - sollen die Geschichte dieser Stadt erfassen, jene 75 Jahre, die seit der Uraufführung von Walter Ruttmanns Meisterwerk "Berlin: Die Sinfonie der Großstadt" am 23. Septemer 1927 im Tauentzien Palast vergangen sind.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben