Medien : Berlin-Ekspress

Migranten als Zielgruppe: In der Hauptstadt entstehen russischsprachige Medien für ganz Europa

Ferda Ataman

Im und am traditionellen Berliner Zeitungsviertel in der Kochstraße befindet sich nicht nur das Axel-Springer-Haus oder das „taz“-Gebäude, sondern auch das kleine Verlagshaus „RusMedia“. Es gibt eine Fernsehzeitschrift auf Russisch und die Wochenzeitung „Russkaja Germanija“ heraus, die deutschlandweit vier Regionalausgaben hat. In der Hauptstadt heißt sie pragmatisch „Ruskij Berlin“. Das Besondere daran? Neben deutschen und lokalen Neuigkeiten gibt es ausführliche Nachrichten aus der Heimat, wo viele Menschen Verwandte haben. Auch wenn die Einwanderer lange in Deutschland leben, wollen sie wissen, was in Russland, den GUS-Staaten oder Israel passiert. Viele russischsprachige Einwanderer sind Juden. „Russischsprachige“, das sind nicht nur Russen, sondern Kasachen, Ukrainer, Weißrussen und andere. Genaue Angaben über die Zahl russischsprachiger Menschen in Deutschland existieren nicht, weil Eingebürgerte wie etwa Aussiedler von der Ausländerstatistik nicht erfasst werden. Schätzungsweise sind es mehr als drei Millionen Einwanderer aus Russland und den GUS-Staaten. Obwohl viele von ihnen gut Deutsch können, sind sie den russischsprachigen Medien offenbar noch verbunden.

Die Medienkommission von ARD und ZDF hat dieses Jahr erstmalig das Medienverhalten der Spätaussiedler untersucht. Für die Studie „Migranten und Medien 2007“ wurden rund 500 von ihnen befragt. Heraus kam: Jeder vierte (24 Prozent) Spätaussiedler liest „gelegentlich“ Zeitungen in der Sprache seiner Heimat. Gelegentlich heißt laut Umfrage ein bis drei Tage die Woche. Mehr ging auch bis vor kurzem nicht, weil alle Blätter monatlich oder wöchentlich herauskamen. Eine russischsprachige Tageszeitung gibt es erst seit einem halben Jahr – und nur für Nordrhein-Westfalen. Die „Rheinskaja Gazeta“ ist ein gemeinsames Projekt der WAZ-Mediengruppe eben mit „RusMedia“. „Wir denken darüber nach, auch in Berlin eine Tageszeitung einzuführen“, sagt der 26-jährige Dmitri Petrovski, Sprecher des Verlags. „Aber nur, wenn der Testlauf in NRW gut geht.“ Das ist durchaus denkbar: Immerhin leben im größten Bundesland rund 780 000 Einwanderer aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion.

Die können wohl allerdings nicht den täglichen Russenfunk einschalten, der aus einem kleinen, schmucklosen Studio in Berlin Mitte kommt. Dort steht ein Mischpult, ein schallgeschützter Aufnahmeraum, ein Mikrofon. „Radio Ruskij Berlin“ ist Deutschlands einziger russischsprachiger Sender, der täglich „on air“ ist. Und den hören laut eigenen Angaben rund 200 000 Zuhörer, also theoretisch jeder und jede aus der Zielgruppe – denn in Berlin leben genauso viele russischsprachige Menschen. „Das ist einfach zu erklären“, sagt Programmchef Petrovski. „Unsere Musik ist topaktuell.“ Und außerdem sei gerade „Retro“ total im Trend. Mit Retromusik ist russische Popmusik aus den 70er und 80er Jahren gemeint. „80er-Jahre Hits werden eben überall gerne gehört – nicht nur bei Deutschen“, erklärt der Radioleiter. Der Sender füllt demnach eine musikalische Marktlücke.

Während der deutsche Medienmarkt gerade erst anfängt, Migranten als Zielgruppe wahrzunehmen, hat sich vor allem von Berlin aus ein russischsprachiger Ethno-Medienmarkt entwickelt. In der Hauptstadt sitzt neben „RusMedia“ seit 2001 auch das größte russischsprachige Verlagshaus in ganz Europa: die „Werner Media Group“. Deren nobel eingerichtetes Großraumbüro befindet sich im Industriegebiet Marienfelde. In der Mitte steht ein großes grünes Pyranhaaquarium. Auf den Schreibtischen: deutsche Lexika, Zeitungen und Lifestylezeitschriften. Geschäftiges Treiben an unzähligen Monitoren. Von diesem Ort in der Mitte Europas werden zahlreiche russischsprachige Zeitungen und Magazine produziert. Daher auch der Name ihres Vorzeigeprodukts: die Wochenzeitung „Europa-Ekspress“ mit einer Auflage von rund 100 000.

Der Erfolg liegt nicht nur darin begründet, dass verstärkt aus der alten Heimat berichtet wird. Auch maßgeschneiderte Serviceteile für die russischsprachige Leserschaft sind vorhanden, wie etwa Veranstaltungstipps und kyrillische „Sprechstunden“ für Alltagsprobleme. Leserbriefe zu rechtlichen Fragen werden beispielsweise wöchentlich von einem Anwalt beantwortet. „Grundidee unseres Verlags ist, die Integration der russischsprachigen Menschen in Deutschland zu fördern“, sagt Verlagssprecher Lutz Lorenz. „Wir möchten die Leute bei ihrer Integration begleiten – vom Ankommen bis zum Erfolg.“ Deswegen gebe es in den Blättern auch immer wieder Berichte über Vorbilder: „Leute wie Katja Bittner zum Beispiel, die aus der Ukraine stammende Chefin der Musikmesse Popkomm.“

Das Integrationskonzept wird auch durch die „Jevrejskaja Gazeta“ ergänzt, ein 40-seitiges Monatsblatt für russischsprachige Juden. Denn durch die „Kontingentflüchtlingsregelung“ sind seit 1990 mehr als 170 000 russische Juden nach Deutschland gekommen. Der Verleger von Werner Media, Nicholas Werner, will gleich zwei Gruppen bedienen: Die „Jevrejskaja Gazeta“ soll „Neuankömmlingen“ als Orientierungshilfe dienen. Für die Generation, die bereits hier angekommen ist, gibt es seit 2005 zudem die „Jüdische Zeitung“.

Um den Printboom der kyrillischen Schriftzeichen zu vervollständigen: Neben den Wochenzeitungen liegen in russischen Geschäften in Berlin auch unzählige kostenlose Anzeigenblätter aus. Dmitri Petrovski von „Radio Ruskij Berlin“ erklärt, warum vor allem Deutsche Werbeträger Interesse haben, in russischsprachigen Medien zu inserieren. Reklame von Fluggesellschaften beispielsweise „liegt in der Natur der Sache“. Viele Leute fliegen regelmäßig in die Heimat. Aber auch Autohersteller und große Elektrofachmärkte inserieren sehr häufig. Petrovski, der aus Sankt Petersburg stammt, lächelt: „Wir sparen eben nicht so gerne, wir kaufen lieber.“

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