Medien : Berlin in der Krise: "Und das ist gut so."

Reinhard Siemes

Ich kann mich an keine einzige Werbekampagne für Berlin erinnern, die auch nur ansatzweise eine Idee hatte. Die letzte war ein Bildersalat mit Sprüchen aus der Rumpelkammer der Reklame. Irgendwas mit "Stadt in Bewegung" und "das neue Berlin". Seit wenigen Tagen aber gibt es eine Berlin-Werbung mit einem wunderbaren Inhalt, einem phantastischen Echo und einem unschätzbaren Vorteil für die Senatskasse: Sie hat keinen einzigen Pfennig gekostet. Die Werbung kommt von Klaus Wowereit und lautet: "Ich bin schwul. Und das ist gut so." Sie steht damit im krassen Gegensatz zu den Auftritten von Eberhard Diepgen in diversen Talkshows. Der lieferte Verschwommenes: "So können Sie die Frage nicht stellen." Oder: "Sie gehen von falschen Voraussetzungen aus." Und wenn er dann doch antwortete, sagte er auf die Frage nach der genauen Uhrzeit: "Die hängt davon ab, wie die Zeiger stehen." Wowereit aber legt in aller Öffentlichkeit das ungeheuerliche Bekenntnis ab, einer Minderheit anzugehören.

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Fototour: Die Bilder der Krise Was ist daran Werbung für Berlin? Der Mut zum Beispiel und das Risiko, von schwarzen, aber auch roten Frömmlern verachtet zu werden. Oder die Aufrichtigkeit, die Provokation, die Nonchalance und Chuzpe - alles Merkmale und Eigenschaften, die Berlin und seine Bürger für den Außenlebenden so reizvoll, bisweilen sogar liebenswert machen.

Von einer Stadt gibt es immer zwei Bilder: Ein architektonisches und ein menschliches. Wenn das menschliche von weinerlicher Bigotterie geprägt ist, können die Häuser noch so modern und die Straßen noch so breit sein - sie sind zum Heulen. Am wenigsten aber können bunte Anzeigen und Plakate etwas dagegen ausrichten. Wenn sie nicht mehr zu sagen haben als "Stadt in Bewegung", versanden sie in den Köpfen der Menschen.

Klaus Wowereit brauchte nur zwei Sätze, um für Berlin die beste Werbekampagne seit Menschengedenken zu machen.

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