Medien : Berlin sieht schwarz

Und was der Gebührenatlas der Hauptstadt noch verrät

Joachim Huber

Der erste Eindruck ist verheerend. Berlin, das muss die Hauptstadt der Fernseh-Schnorrer sein. Mehr als 16 Prozent der Haushalte zahlen keine Rundfunkgebühren. Und ganz vorne in der Negativliste sind die Einwohner des Doppelbezirks Friedrichshain-Kreuzberg: Jeder vierte Haushalt zahlt keinen Cent für den Empfang der öffentlich-rechtliche Programme von Fernsehen und Radio, von ARD bis ZDF.

Aber Vorsicht, auch hier kann der erste Eindruck täuschen: Die Daten in der abgebildeten Grafik, sie fußen auf Angaben des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB), geben nur an, wie viele Haushalte in Berlin gesamt und in den einzelnen Bezirken ihre Rundfunkgeräte angemeldet haben und entsprechend Rundfunkgebühren bezahlen. Der RBB sagt sehr defensiv, es gebe keine Schätzung über die Anzahl der Schwarzseher im Sendegebiet. Heißt: Die öffentlich-rechtliche Anstalt weiß nicht, ob und wie viele Haushalte jener rund 16 Prozent, die kein Empfangsgerät angemeldet haben, Radio und Fernsehen nutzen, ohne dafür zu bezahlen. Für die Patrioten dieser Stadt ist damit klar und erwiesen: Es gibt keine Schwarzseher und keine Schwarzhörer in Berlin, weil darüber keine belastbaren Daten existieren. Allenfalls gibt es rund drei Prozent Schwarzfahrer bei den Berliner Verkehrs-Betrieben (BVG), aber selbst da sinkt die Zahl (der Tagesspiegel berichtete).

Anders als die BVG-Kontrolleure müssen die GEZ-Fahnder – im Amtsdeutsch der Gebühreneinzugszentrale heißen sie „Beauftragte“ – den frustrierendsten Job in der Hauptstadt haben: Jeden Tag spähen, horchen, recherchieren und klingeln sie voller Einsatz und mit aller erdenklicher Akribie – und kein Fernsehschnorrer weit und breit.

Das ist die eine Lesart, die patriotisch-positive. Leider, leider: Es gibt auch eine andere. Nehmen wir noch einmal die Mitbürgerinnen und Mitbürger von Friedrichshain-Kreuzberg. Rund 35 000 Haushalte zahlen keine Gebühren, mehr als 100 000 tun es. In der letzten Zahl stecken bereits auch all die Haushalte, die aus berechtigtem Grund von der Gebühr befreit sind. Um diesen sozialen Sprengstoff gleich ein für allemal zu entschärfen: Der Hartz-IV-Empfänger kann schon deswegen kein Schwarzseher sein, weil er für seine Nutzung von Radio und Fernsehen die Monatsgebühr von 17,03 Euro nicht aufkommen muss. Also doch 35 000 Haushalte voll frech-föhlicher Schnorrer?

Das können, das wollen wir nicht glauben und kommen deswegen zu einem ganz anderen Schluss: Die Friedrichshainer und die Kreuzberger sind ihrem Wesen nach zu 25 Prozent Rundfunkverweigerer, sie sind das kleine gallische Haufendorf in der Republik, das einfach Besseres zu tun hat als vor der Glotze abzuhängen. Lauter Asterixe und Obelixe. Bravo.

Nur ein klitzekleiner Einwand. Eine andere, sehr ernstzunehmende Statistik – Quelle Media-Analyse – sagt aus, dass 2006 in 97,7 Prozent der Haushalte in Deutschland ein oder mehrere Fernsehgeräte stehen, dass in 98,3 Prozent der Haushalte wenigstens ein Radiogerät zum Empfang bereitgehalten wird. Und diese Quoten sollen in Friedrichshain-Kreuzberg in sich zusammenbrechen? Fernsehfreie Zonen das?

Pessimisten in dieser Stadt, und davon gibt es mehr als 25 Prozent, würden deshalb andere Ableitungen vornehmen. Also: Berlin als Ganzes ist mit über 16 Prozent nicht zur Gebühr angemeldeter Haushalte ist doch die Kapitale der Rundfunk-Schnorrer, und FriedrichshainKreuzberg bildet da nur die traurige Spitze. Auch traurig, dass die wohlhabenden Bezirke Steglitz-Zehlendorf in der Berliner Statistik den sechsten Platz einnehmen. Sitzen im vornehmen Grunewald massenhaft Schwarzseher, im besten Fall Grauseher, die Tag für Tag die Anmeldung bei der GEZ vergessen? Unvorstellbar.

Mal die Zahlen von der anderen Richtung angeschaut: In den Ostbezirken Berlins ist die Dichte der zahlenden Haushalte am höchsten. Typisch Ossi, zwar ein grundehrlicher Haut, aber einer, der nur glotzen kann? Falsch, denn da ist ja Spandau, jenes Stück Berlin, das am weistesten im Westen liegt. Ein sauberer vierter Platz in der Hitliste, mehr als 87 Prozent der Haushalte zahlen Rundfunkgebühren. Spandau, ist das nicht der Bezirk, der eigentlich nicht zu Berlin gehört? Ein ganz anderes Thema und in seiner Tiefe und Gänze hier nicht zu abzubilden.

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