Berliner Presse : Zwischen Vernichtung und "weiter so"

Die Berliner Presse vor 65 Jahren: Noch in den letzten Kriegstagen ratterten in der Hauptstadt die Druckmaschinen für den Sieg. Das war Zynismus und ging schief.

Ernst Elitz
April, Mai 1945. In den Ruinen der Berliner Kochstraße entstand für eine Woche als letztes Zucken des Lügenapparats „Der Panzerbär“ . Kurz darauf, unter sowjetischer Militärverwaltung, gab es einen Zeitungsaushang vor dem Görlitzer Bahnhof (re.).
April, Mai 1945. In den Ruinen der Berliner Kochstraße entstand für eine Woche als letztes Zucken des Lügenapparats „Der...Foto: dpa

„An jedem Morgen mit den Fingerspitzen die Kopfhaut kräftig massieren, und zwar immer von der Seite in die Kopfmitte“, empfahl die Firma Trilysin-Haarpflege Mitte April 1945 in der „Berliner Illustrierten Zeitung“. „Diese Kopfmassage wirkt erfrischend und belebend.“ Das war es, was die Deutschen in den letzten Kriegstagen brauchten – Kopfmassagen.

Briten und Amerikaner hatten große Teile Westdeutschlands besetzt. Die Rote Armee stand an der Oder. Aber in der Hauptstadt ratterten die Druckmaschinen weiter für den Sieg. Neben dem „Völkischen Beobachter“ erschienen in den Tagen vor der Kapitulation noch das „12 Uhr Blatt“ , die „Berliner Morgenpost“ und die „Berliner Illustrierte Zeitung“ (BIZ). Das Zeitungsviertel um die Kochstraße – in der Weimarer Republik Heimstatt von fünfzig Morgen-, Mittags- und Abendzeitungen – wurde im Februar 1945 von Bomben durchsiebt, aber seine Zerstörung hatte 1933 begonnen. Nach der Machtübernahme hatten die Nationalsozialisten die jüdischen Verleger enteignet, die journalistische Freiheit erstickt, alle deutschen Zeitungen in eine Partei-Holding zusammengepresst. In der Trümmerlandschaft des Jahres 1945 starb nur noch der schäbige Rest.

Während die Tageszeitungen in den letzten Kriegstagen vor Durchhalteappellen strotzten („Die kämpfende Hauptstadt trotzt mutig dem Ansturm der Sowjets!“) und erbärmliche Erfolgsmeldungen brachten („50 Bolschewisten wurden im Nahkampf niedergemacht“), folgten die „BIZ“-Redakteure bis zum letzten Schreibmaschinenanschlag den Aufmunterungen ihres obersten Chefs, des Reichspropaganda-Ministers Goebbels: „Unser Volk ist heute in einer Weise in die Kriegsarbeit eingespannt, dass es mit Recht verlangen kann, von der Schwere des Alltags abgelenkt zu werden und in leichter und gefälliger Unterhaltung ein gewisses Gegengewicht zu den harten Anforderungen der Zeit zu finden.“

Das war reinster Zynismus und ging schief, die Wirklichkeit ließ sich nicht mehr weg retuschieren. Die letzten Leser der „BIZ“ in der zertrümmerten Hauptstadt erlebten den Kriegsalltag unter dem Geheul der Bombergeschwader, und die Illustrierte zeigte Volkssturm-Hundegespanne an der Oder-Front. Sie sparte nicht die Flüchtlingstrecks aus und versah die Fotos von Sanitätsstationen und Notküchen in den Ruinenkellern der Festung Stettin mit einer Bildunterschrift, die Siegesoptimismus verbreiten sollte: „Neues Leben blüht aus den Ruinen.“

Foto: akg-images

Trümmerwelt und Traumfabrik stießen krachend zusammen. Auf der einen Seite das Foto eines Paars vor leeren Fensterhöhlen: „Sie geht zur Arbeit, er in den Kampf“, und auf der nächsten ein Glamour-Bericht über den gerade abgedrehten Ufa-Film „Frau über Bord“. Die Bilder zeigen Kreuzfahrtschiff, blaues Meer und lachende Menschen im Badekostüm. Und in der Unterzeile „schwimmt Juanita von dannen, jenen südlichen Breiten entgegen, die für ihr Temperament, ihr Leben und Lieben nötig sind“. Auf dem Berliner Breitengrad waren die Kinos da schon zerbombt, die Vorführmaschinen zu Bruch gegangen, aber der Kintopp-begeisterte Chefredakteur der „BIZ“, Ewald Wüsten, fand sein Auskommen nach dem Krieg bei der „Neuen Illustrierten“, verlegt bei Du Mont Schauberg in Köln.

Die nächste vom ihm gestaltete Ausgabe der „BIZ“, die am 29. April erscheinen sollte, wurde noch gedruckt, aber nicht mehr vertrieben. Der Anhalter Bahnhof war wie der Spittelmarkt von Russen besetzt, die frisch vermählte Eva Braun, die gerade Frau Hitler geworden war, konnte die Empfehlung „Immer gut frisiert – dank Wella-Haarpflege“ nicht mehr befolgen. Am Tag nach dem geplanten Auslieferungsdatum der Illustrierten vergiftete sie sich im Führerbunker.

In den letzten Apriltagen 1945 war Berlin eine Stadt zwischen Vernichtung und „weiter so“. Die Zeitungen veröffentlichten Fahrplanänderungen der BVG-Personenschifffahrt, eine Musikschule kündigte die „Neuaufnahme für Gesang, Instrumentenspiel und musikalische Grundausbildung“ an: „Unterrichtsbeginn Anfang Mai“. Die Gesangsstunde fiel dann wohl der Ausgangssperre zum Opfer, denn General Weidling, der Kampfkommandant von Berlin, erklärte dem russischen Feldherrn Schukow am 2. Mai in einer akquirierten Wohnung am Schulenburgring die Kapitulation. Und das, obwohl die Zeitungen bis zuletzt zum Kampf gegen den „grausamen Feind aus der Steppe“ aufriefen und ihren Lesern praktische Ratschläge für den Gebrauch von Panzerfäusten und das Buddeln von „Einmann-Deckungslöchern“ gaben. Goebbels als letzter Reichsverteidigungskommissar ordnete in der „Berliner Morgenpost“ die Sonntagsöffnung der Lebensmittelgeschäfte an, damit die Bürger sich mit 250 Gramm Hülsenfrüchten, 250 Gramm Reis und 30 Gramm Kaffee für Straßenkämpfe kräftigen konnten.

Auch das Feuilleton stand an der Front. Der Staatsschauspieler Heinrich George, der im Durchhaltefilm „Kolberg“ die Hauptrolle des Bürgeranführers Nettelbeck spielte, faselte in einer der letzten Ausgaben des „Völkischen Beobachters“ von „stündlicher Todesbereitschaft“ und „kernfester Männlichkeit“. Worte wie eine Panzerfaust, rhetorisch garniert mit dem nationalistischen Wortgebräu aus Johann Gottlieb Fichtes „Reden an die deutsche Nation“. Darin hatte Fichte für den „Freiheitskampf der Germanen“ getrommelt, weil sonst „die Neger, die Tartaren, die nordamerikanischen Stämme“ die den Deutschen zustehende Weltregierung übernehmen würden. Alfred Rosenberg, der Herausgeber des „Völkischen Beobachters“, wurde 1946 als Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg verurteilt und hingerichtet.

Als letzte Tageszeitung erschien die „Berliner Morgenpost“ – mit der Schlagzeile „Der Führer ist bei uns!“ Dann war Schluss. Das Druckhaus Tempelhof wurde von der SS als Bollwerk gegen die von Lichterfelde und Lankwitz vorrückende Rote Armee besetzt. In den Ruinen der Kochstraße entstand für eine Woche als letztes Zucken des Goebbelsschen Lügenapparats „Der Panzerbär“ – mehr Flugblatt als Zeitung – mit einer Mischung aus dem Schwulst der Propagandakompanien („Aus den Schleusen des Himmels giesst die Natur ihr Erbarmen über dieses flammende Stück Heimat“), Mordhetze („Jeder Verräter ist augenblicklich zu erschießen oder zu erhängen“) und Wahnvorstellungen: „Wir haben alles verloren“, aber „wir haben die Chance, einen noch größeren Wohlstand zu erreichen, als wir ihn vor diesem Kriege bereits genießen konnten.“ Die Redakteure des „Panzerbärs“, die ihre Namen vorsichtshalber verschwiegen, priesen den Wahnwitz als „fernes, aber reales Ziel“. Ihre Auftraggeber Hitler und Goebbels wollten das neue Zeitalter offenbar nicht mehr erleben. Am Nachmittag des 30. April erschoss sich der „Führer“. Seine Leiche verkohlte im Garten der Reichskanzlei. Das Ehepaar Goebbels vergiftete seine Kinder und richtete sich dann selbst. Und der „Panzerbär“ mit Datum vom 29. April 1945 wurde wie die „Berliner Illustrierte Zeitung“ gar nicht mehr ausgeliefert. Russische Soldaten entdeckten die zerfledderten Exemplare in den Ruinen des Zeitungsviertels.

Drei Tage später klebte ein neues „Nachrichtenblatt für die deutsche Bevölkerung“ an den Häuserwänden. Es informierte knapp: „Truppen der Bjelorussischen Front unter dem Kommando des Marschalls der Sowjetunion Schukow (…) besetzten am 2. Mai 1945 vollständig die Hauptstadt Deutschlands, die Stadt Berlin, das Zentrum des deutschen Imperialismus und die Brutstätte der deutschen Aggression.“

Ein schmähliches Kapitel deutscher Zeitungsgeschichte hatte sein verdientes Ende gefunden.

Ernst Elitz war Gründungsintendant des Deutschlandradios. Er lehrt an der Freien Universität Berlin Kultur- und Medienmanagement.

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