Berliner "Tatort" : Tod in der U-Bahn

Der Berliner „Tatort: Gegen den Kopf“ greift zwei aktuelle Fälle von Jugendgewalt in der Öffentlichkeit auf. Und stellt Fragen an die Zuschauer.

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Im „Tatort“ aus Berlin bezahlt ein Mann seine Zivilcourage mit dem Leben.
Im „Tatort“ aus Berlin bezahlt ein Mann seine Zivilcourage mit dem Leben.Foto: rbb/Frédéric Batier

Es ist halb fünf am Morgen, in der U-Bahn posieren mehrere asiatische Mädchen gebärdenreich und lautstark für ihre Smartphones, die anderen Fahrgäste schauen zumeist mit leerem Blicklos vor sich hin. Bis zwei Jugendliche einem alten Mann die Gehhilfe wegnehmen, ihn bedrängen, Geld von ihm verlangen. Niemand schreitet ein, bis auf einen hochgewachsenen, kräftig aussehenden Mann, der sich wie ein Held – so heißt es später in den Boulevardblättern – den beiden entgegenstellt. Bald darauf liegt der 38-jährige Mark Haessler (Enno Kalisch) tot auf dem Bahnsteig der Station Schönleinstraße in Kreuzberg, die Spuren von Tritten und Schlägen sind unübersehbar.

Der „Tatort“ verbindet zwei Gewaltexzesse, die die Öffentlichkeit stark bewegt haben: den Fall Dominik Brunner 2009 in München und den Fall Jonny K. in Berlin vor nunmehr einem Jahr. Die Herausforderung für die Berliner „Tatort“-Kommissare Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) besteht nicht nur darin, die Täter zu ermitteln und zu finden, sie müssen auch deren Schuld nachweisen. Doch der Abiturient Konstantin Auerbach (Jannik Schümann) und der vorbestrafte Ex-Drogenabhängige Achim Wozniak (Edin Hasanovic) belasten sich gegenseitig. Aussage steht gegen Aussage, und auf die Zeugen können die Ermittler nicht bauen.

Die Frage nach der Zivilcourage

Für Ritter und Stark bedeutet dies: Ermitteln, ermitteln, ermitteln. Für Autor und Regisseur Stephan Wagner ergibt sich daraus die Chance, immer wieder zur Tat zurückzukehren, minutiös zu rekonstruieren, wie sich der Streit zwischen den Jugendlichen und dem Rentner entwickelte, wie Haessler eingriff, und was später in der Schönleinstraße passierte.

Der Zuschauer wird so immer wieder mit der Frage konfrontiert, wie er sich in einer solchen Situation verhalten hätte. Hätte er ebenfalls die Zivilcourage besessen, den Jugendlichen die Stirn zu bieten? Oder hätte er sich verhalten wie all die anderen Fahrgäste, die zwar zuschauten, aber nicht eingriffen? Gründe dafür gibt es genug, weil man vielleicht schon einmal erlebt wird, wie es einem gedankt wird, wenn man sich einmischt. Oder weil man weiß, dass man körperlich keine Chance gegen die Pöbler hätte. Auf Mark Haessler traf das nicht zu, er war groß, kräftig gebaut, entsprach nicht dem Opfertyp.

Die Kommissare Ritter und Stark geben dem Fall von Anfang an die angemessene Bedeutung. Für die Ermittlungen steht die „volle Mannschaftsstärke“ zur Verfügung, die Einsatzstelle wird im Revier vor Ort eingerichtet, sämtliche verfügbaren Kamerabilder aus der U-Bahnstation, aber auch von einer Bank am Ausgang werden gesichert. 12 000 Kameras hat allein die BVG im Einsatz, die Videos werden 48 Stunden verschlüsselt gespeichert, aus Sicherheitsgründen, erfährt der Zuschauer. Die beiden Kameras in der Station Schönleinstraße dienten jedoch nur dazu, das Ein- und Aussteigen der Fahrgäste zu kontrollieren. Die sicherheitstechnische Umrüstung sollte in zwei Monaten stattfinden. Den Ermittlern ist darum auch keine Spur zu unbedeutend, sämtliche Zeugen werden befragt.

Stephan Wagner, der für seinen Film „Dienstreise – Was für eine Nacht“ im Jahr 2004 seinen ersten Grimme-Preis erhalten hatte und 2013 erneut mit einem Grimme-Preis für „Der Fall Jakob von Metzler“ ausgezeichnet wurde – wollte mit dem „Tatort: Gegen den Kopf“ auch vor Augen führen, dass mehr Überwachung – sei es durch Kameras oder Handydaten – nicht zu mehr Sicherheit führt, sondern nur zu einer besseren Dokumentation der Gewalt. „Lebensrettend ist nur die richtige Verhaltensweise in einer gewalteskalierten Situation“, sagt er. Doch so sehr sein „Tatort“ ein Lehrfilm über gute Polizeiarbeit ist, als Anleitung für erfolgreiche Deeskalationsstrategien ist er nicht geeignet. Die Gewalt, die Regisseur Wagner in diesem „Tatort“ explodieren lässt, ist zu irrational, um ihr mit Vernunft beikommen zu können.

„Tatort: Gegen den Kopf“, ARD, Sonntag 20 Uhr 15. Im Anschluss daran diskutiert Günther Jauch in seiner Talkrunde ab 21 Uhr 45 über Jugendgewalt.

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