Medien : "Berliner Zeitung": Das Stuttgarter Modell

Ulrike Simon

"Der Chefredakteur wurde geköpft". So formulierte es am Donnerstag die "Bild"-Zeitung. Das Blatt mag hin und wieder zu Übertreibungen und drastischen Formulierungen neigen, aber im Fall des ehemaligen Chefredakteurs der "Berliner Zeitung" wundern sich Kollegen und Konkurrenten jeder Couleur über die Art, wie mit Martin E. Süskind bei Gruner + Jahr beziehungsweise dessen Tochterunternehmen Berliner Verlag umgegangen worden ist. "Wer tut sich das an, unter diesen Umständen dort Chefredakteur zu werden." So oder so ähnlich lauten die Kommentare.

Einen zumindest gibt es: Nach zahlreichen Absagen ist es Gruner + Jahr gelungen, Uwe Vorkötter als Chefredakteur der "Berliner Zeitung" zu gewinnen. Nur der Zeitpunkt seines Antritts sei noch offen, sagte ein Sprecher. Vorkötter ist Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung", von der es in der Branche heißt, sie sei eine der besten Regionalzeitungen Deutschlands. Außerdem heißt es über das Blatt, es sei überaus rentabel, was sich nicht nur mit den vielen Stellenanzeigen im Ballungsraum der Schwaben-Metropole begründen lässt, sondern vor allem mit der gemeinsamen Anzeigenvermarktung mit den "Stuttgarter Nachrichten". Am Mittwoch war Vorkötter nicht zu erreichen, auch am Donnerstag war er bis Redaktionsschluss nicht zu einer Stellungnahme bereit. Zunächst erfuhr am Nachmittag seine Redaktion, was Sache ist. Auch bei der "Berliner Zeitung" wurde es am Donnerstagnachmittag verkündet.

Vorkötter, früher für die "Stuttgarter Zeitung" unter anderem Korrespondent in Brüssel und Leiter des Bonner Büros, könnte auch insofern für das Sparkonzept der "Berliner Zeitung" geeignet sein, weil er von Haus aus Wirtschaftswissenschaftler ist. Daneben wird er als freundlich, kommunikativ und in seiner Arbeitsweise als präzise beschrieben. Vorkötter wurde Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung", als sein Vorgänger Thomas Löffelholz zur "Welt" gewechselt war.

So hört man kaum Einwände gegen eine Berufung Vorkötters, um so heftiger aber wird das Prozedere gegen Süskind kritisiert. Wäre Süskinds Kündigung in dieser Woche nicht öffentlich bekannt geworden, wäre kommende Woche nicht Bilanz-Pressekonferenz bei Gruner + Jahr und wäre für den gestrigen Donnerstag nicht Süskinds Gütetermin angesetzt gewesen, Süskind würde noch heute auf dem Chefstuhl sitzen. Und zwar derart loyal, dass bis vor wenigen Tagen in der Redaktion kaum jemand wusste, dass Martin Süskind schon seit Juni gekündigt ist.

Süskind hatte einen unbefristeten Vertrag, erstmals kündbar zum 30. Juni 2002, und zwar mit einer Frist von einem Jahr. Im Juni nahm Torsten-Jörn Klein, Geschäftsführer des Berliner Verlags, die Frist wahr und kündigte Süskind. Süskind nahm sich mit Michael Nesselhauf einen Gruner- + Jahr-kundigen Anwalt, der entsprechend Kündigungsschutzklage einreichte. Am Donnerstag um 13 Uhr wäre vor dem Berliner Arbeitsgericht der Gütetermin gewesen. Er fiel aus. Am späten Mittwochabend, es ging bereits auf 23 Uhr zu, einigten sich die beiden Parteien schließlich doch noch. "Nach schwierigen Verhandlungen kam es zu einer sehr fairen Lösung", sagte Nesselhauf am Donnerstag dem Tagesspiegel. Süskind hatte sich die ganze Zeit über keinen Fehler geleistet, er harrte aus, nahm öffentlich keine Stellung. Seit Mittwoch ist er zunächst beurlaubt, sein Vize, Klaus Schrotthofer, hat offiziell gestern interimistisch die Führung des Blattes übernommen. Ab Herbst kann sich Süskind wieder neuen Aufgaben zuwenden.

Achim Twardy ist erst seit 6. August Zeitungsvorstand bei Gruner + Jahr. Er ist also am Schlamassel kaum beteiligt und soll dem Vernehmen nach auf eine gütliche Einigung gedrängt haben. Geschäftsführer Torsten-Jörn Klein hatte noch am Montag zu dementieren versuchte, dass an Süskinds Kündigung irgendetwas dran sei. Die Redaktion der "Berliner Zeitung" fühlt sich vom Verlag mittlerweile kaum noch Ernst genommen. Eine rechte Aufbruchstimmung mag bei so viel verbrannter Erde nicht aufkommen. Zumal die heftige Kritik an Süskind verblasst ist, seitdem die Umstände seiner Kündigung bekannt sind. Vor einigen Wochen hatte ihm die eigene Redaktion noch das Misstrauen ausgesprochen. Seitdem der Verlag die Sparmaßnahmen rigoros umsetzt, "hatten wir das Gefühl, zusammenhalten zu müssen", sagt ein Redakteur. Vorkötter wird Mühe haben, die Mannschaft zusammenzuhalten und zu motivieren. Trotz aller Vorschusslorbeeren hält ihn die Redaktion für einen Übergangskandidaten - bis zur Bekanntgabe des nächsten Strategiewechsels.

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