"Berliner Zeitung“ : Schadensbegrenzung

Gang in die Offensive: Redakteure der "Berliner Zeitung" sollen ihre Akten v anfordern. Die SED-Bezirkszeitung will so einen Imageschaden abwenden.

Sonja Pohlmann

BerlinDie „Berliner Zeitung“ will nach dem Stasi-Bekenntnis zweier Redakteure so schnell wie möglich für Klarheit über das Ausmaß der Affäre sorgen. Der Redaktionsausschuss rief gestern in einer Vollversammlung die Redakteure dazu auf, ihre Akten bei der Birthler-Behörde anzufordern, damit sie auf eine mögliche Stasi-Verstrickung hin überprüft werden könnten. Damit will die ehemalige SED-Bezirkszeitung offenbar in die Offensive gehen.

Chefredakteur Josef Depenbrock hatte sich am Dienstag in einem Artikel auf der „Seite 3“ zu den Stasi-Verstrickungen in seinem Haus geäußert: „Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit sind beschädigt“, schrieb er. Am vergangenen Freitag war durch eine Stasi-Akte bekannt geworden, dass Thomas Leinkauf, verantwortlich für „Seite 3“ und „Das Magazin“, als Student zwei Jahre für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gearbeitet hatte. Am Montag bekannte sich dann überraschend ein stellvertretender Politikchef dazu, Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi gewesen zu sein.

Depenbrock schrieb in seiner Stellungnahme weiter, dass sich die Redaktion jetzt selbst einer Untersuchung stellen müsse. Die Chefredaktion wolle noch in dieser Woche Forscher der Freien Universität Berlin und der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder beauftragen, die Arbeit jedes einzelnen Journalisten der „Berliner Zeitung“ zu überprüfen und dabei auch möglichst die Akten der Birthler-Behörde zu sichten. Weil es sich dabei um ein Forschungsprojekt handele, sei das Einverständnis der Redakteure nicht notwendig, sagte der Berliner Anwalt Johannes Weberling, der das Projekt koordinieren soll. Weberling war früher Leiter der Abteilung Personal und Recht der „Berliner Zeitung“. Die Ergebnisse der Studie sollen anschließend veröffentlicht werden. Ob gegebenenfalls Namen von Redakteuren mit Stasi-Hintergrund genannt würden, sei vom Einzelfall abhängig. „Für die Glaubwürdigkeit der Redaktion ist es aber natürlich besser, wenn alle Redakteure ihr Einverständnis geben“, sagte Weberling. Doch als der Redaktionsausschuss gestern die Redakteure dazu aufrief, ihre Akten bei der Birthler-Behörde zu beantragen, sollen nicht alle Mitarbeiter zugestimmt haben. Einige sorgten sich um den Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte, berichteten Kollegen. „Aber wer sich verweigert, steht sofort unter Stasi-Verdacht, auch wenn er aus anderen Gründen die Akten nicht anfordern will“, sagte Klaus Schroeder, Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat der FU Berlin. Für die „Berliner Zeitung“ könnte die Affäre auch von wirtschaftlicher Bedeutung sein. Auf der Medienseite veröffentlichte das Blatt Reaktionen von Lesern, die mit der Kündigung des Abonnements drohten. Andere verlangten die „vollständige Aufklärung“ der Stasi-Verstrickungen.

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