Medien : Bernd Schiphorst im Interview: "Keine Sorge, ich bin ein Langzeitfaktor"

Universal Music zieht von Hamburg nach Berlin. Der

Universal Music zieht von Hamburg nach Berlin. Der Hamburger Senat ärgert sich über diesen Abgang, sieht das nicht als Werbung für das Medien-Tandem Berlin-Hamburg.

Diese Nachricht war die beste für die Medienwirtschaft in Berlin und Brandenburg seit Monaten. Universal Music ist erstens das führende Musikunternehmen. Zweitens wird das Hauptquartier nach Berlin verlegt. So viele Hauptquartiere hat Berlin nicht. Ja, es stimmt, dass die Hamburger das Medien-Tandem in Frage gestellt haben. Dabei musste allen Beteiligten klar sein, dass auch ein Tandem den Wettbewerb zwischen den Standorten nicht verhindert. Dass die Hamburger sauer sind, dafür habe ich tiefes Verständnis, aber wenn sie ein paar Nächte darüber geschlafen haben, dann werden sie an den Debattentisch zurückkehren.

Wo sehen Sie denn Erfolge bei diesem Medien-Tandem?

Nehmen wir doch die gemeinsame Aktivität von newmedia.net, eine Plattform, die zur gegenseitigen Vernetzung beiträgt. Diese Vernetzung ist in Berlin-Brandenburg noch viel dringender notwendig als in Hamburg. Eine gut vernetzte Community existiert hier ja nicht wirklich. Es gibt auch noch zu wenig konstruktiven Dialog zwischen Berlin und Brandenburg. Das soll der Verein newmedia.net erreichen, der von Unternehmen und Unternehmern selbst getragen und finanziert werden soll.

So gesehen ist die Medien-Region Berlin-Brandenburg momentan nur eine Behauptung, aber keine Tatsache.

Ich muss mir die Instrumente, die ich zur Umsetzung bestimmter Dinge brauche, erst noch schaffen. So wie zum Beispiel das newmedia.net. Daneben muss ich aber auch mit der Feuerpatsche ran. Ganz aktuell zum Beispiel bei der Filmförderung, wo zehn Millionen Mark im Jahresetat gefährdet sind. Meine ganze Arbeit wäre total in Frage gestellt, wenn zunächst Brandenburg kürzt, dann Berlin und dann auch noch die Sender ProSieben, Sat 1 und ZDF. Dann haben wir, ironisch gesagt, doch einen Riesenjob gemacht. Es wird eben noch eine Zeit dauern, bis wir ein Bewusstsein in den Köpfen aller Verantwortlichen geschaffen haben.

Welches Bewusstsein?

Auch die Politik muss begreifen, dass die Medienindustrie mehr ist als ein Mittel zur Selbstdarstellung, nämlich eine Zukunftsindustrie. Ich kann in keiner Weise nachvollziehen, dass Politiker mit Empörung reagieren, wenn ein Unternehmen mit zugegeben goldgeränderter Bilanz wie Universal Music Fördergelder kassiert.

Aber ein Steuerzahler darf schon empört sein, wenn seine Steuergelder gut verdienenden Firmen wie Universal Music oder dem Axel Springer Verlag als Fördermittel geschenkt werden.

Wollen Sie einem Unternehmer verbieten, auf legalem Weg Steuern zu sparen oder Strukturhilfen zu erlangen?

Durch wen oder was sehen Sie sich in Ihrer Arbeit behindert?

Auch zwischen Berlin und Brandenburg gibt es ein Stadt-Land-Gefälle. Das ist hier nicht anders als in München oder Hamburg. Die lachen auch über das Umland und die Provinz. Zu diesem Gefälle kommt die Sprachlosigkeit zwischen den Ländern. Ich muss noch einen einheitlichen politischen Willen für mein Medien-Thema schaffen. Aber keine Sorge, ich bin ein Langzeitfaktor. Man muss auch die Vorzüge der Region sehen.Das sind vor allem die Menschen. Etwa 18 000 junge Leute werden momentan in Berlin und Brandenburg in Medienberufen ausgebildet. Das kreative Umfeld. Und dann, wie erwähnt, die Förderung.

Sie haben es schon angesprochen: Beim Filmboard Berlin-Brandenburg werden wohl zehn Millionen vom Jahresbudget gestrichen. Sie halten dagegen, aber noch ohne Erfolg.

Nach den Gesprächen, die ich mit Ministerpräsident Stolpe, Innenminister Schönbohm und Wirtschaftsminister Fürniß geführt habe, glaube ich, hoffen zu dürfen, dass das im Brandenburger Landtag noch korrigiert wird. Mittelfristig wird die alternative Finanzierung von Film- und Fernsehproduktionenaber hoffentlich an Bedeutung gewinnen. Allein deshalb, weil wir nicht jedes Jahr diese Debatten führen möchten. Das hält mich nicht davon ab, dafür zu arbeiten, dass das Bewusstsein der Politiker für die Bedeutung der Medienindustrie weiter wächst. Das sehe ich als meine Aufgabe.

Ist diese Aufgabe eine dankbare?

Das werde ich in zwei, drei Jahren wissen.

Die freien Film- und Fernsehproduzenten klagen, dass sie von den großen Firmen, oftmals die Töchter der Rundfunkveranstalter, an den Rand gedrückt werden. Michael Andreas Butz, der Senatssprecher von Berlin, will ARD und ZDF auf eine Lieferquote für nicht konzerngebundene Produzenten verpflichten.

Die Frage in der Region ist allerdings mehr, wie ORB und SFB mit den Produzenten der Region umgehen. SFB wie ORB haben nicht viel Geld, sind also keine attraktiven Auftraggeber. Ganz anders als WDR und Bayerischer Rundfunk. Deshalb haben die Produzenten allesamt Büros in Köln und München eröffnet. Denken Sie an Regina Ziegler. Aus diesem Grund bin ich so engagiert, was die Debatte um die Zusammenführung der beiden Rundfunkanstalten angeht. Wir würden damit auch ein Zeichen im Vorfeld einer möglichen Länderfusion setzen. Das erste Treffen mit den Intendanten und den Gremienvorsitzenden zeigte, dass es keine abweichenden Meinungen gibt. Zumindest, was das Ziel angeht.

Leidet der Standort nicht darunter, dass Studio Babelsberg, Adlershof, Tempelhof untereinander mehr konkurrieren als mit der Bavaria in München oder Köln-Hürth?

Kein Produzent kann sich über Wettbewerb zwischen Studiobetrieben innerhalb einer Region ernsthaft beschweren. Schließlich wollen sie niedrige Preise haben. Mehr Sorgen macht mir der Wettbewerb mit den sehr viel preisgünstiger arbeitenden Studiobetrieben in Osteuropa. Am liebsten wäre mir, wir könnten Osteuropa gleich mitmanagen. Aber das wird schwierig zu organisieren sein.

Rückblickend: Welche Probleme haben Sie bei Ihrem Amtsantritt unterschätzt?

Ich brauche mehr Zeit als gedacht, das gilt vor allem für den Willen, eine gemeinsame Medienpolitik der beiden Bundesländer anzustreben. Da hatte ich mehr erwartet.

Was verbuchen Sie als positive Erfahrungen?

In den für mich entscheidenden elektronischen Medien verbuchen wir Erfolge. Siehe Universal, T-Online, Bild.de. Insgesamt hat im Augenblick kein anderer Ballungsraum in Deutschland eine solche Zuwanderungsbilanz wie wir.

Ist der Berlin-Bonus nicht bald verbraucht?

Natürlich. Deshalb müssen wir uns auch beeilen. Die anderen schlafen ja nicht. Die Annahme, Berlin werde der alles überstrahlende Kern des Medienlebens sein - von dem Gedanken würde ich mich verabschieden. Und gerade deshalb ist neben dem Thema Vernetzung insbesondere die Frage der Bündelung von Institutionen so wichtig.

An welche Institutionen denken Sie da?

Wir haben immerhin eine gemeinsame Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg auf der Basis eines Medienstaatsvertrages, dessen Präambel sehr weit geht. Die sollten sich die Politiker mal wieder durchlesen. Unter anderem steht darin, dass wir uns hier eine gemeinsame Medienordnung geben sollten. Neben der Landesmedienanstalt gibt es das Medienbüro und - ein positives Ende der Debatte um die Filmförderung vorausgesetzt - das Filmboard. Ich möchte das Filmboard und das newmedia.net stärker zusammenführen und hätte außerdem gern den Sachverstand der Landesmedienanstalt eingebunden. Hier sitzen an verschiedenen Stellen kompetente Leute. Warum die nicht zusammenbringen, institutionell verflechten? Es sollte eine Ebene geben, auf der wir uns nicht wie bisher per Zufall treffen.

Welcher wäre, wenn Sie alle Hemmnisse ignorieren könnten, Ihr größter Wunsch als Medienbeauftragter in Berlin-Brandenburg?

Ich bin kein Visionär. Ich bin Pragmatiker und schaue nur zwei, drei, vier Jahre weiter. Da hoffe ich, das Thema SFB-ORB positiv gelöst zu haben. Ich hoffe, die Sachkompetenz in einem schlagkräftigen Gremium gebündelt zu haben, und ich hoffe, in größerer Unabhängigkeit von der Politik mich auf Themen hoher Priorität stürzen und schnell reagieren zu können. Letztlich: Irgendwann müssen wir aufhören, uns nur am nationalen Wettbewerb zu orientieren. Die wirkliche Herausforderung ist, dass wir uns irgendwann einmal mit London, mit Paris und möglicherweise auch mit einer Fernost-Metropole vergleichen.

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