Medien : Bertelsmann: Plötzlich hielten alle zusammen

Axel Postinett (HB)

Kurz nach 16 Uhr war nichts mehr wie zuvor. Sichtlich bewegt wandte sich Vorstandschef Thomas Middelhoff an die rund 800 Mitarbeiter, die sich am Dienstag in der Gütersloher Hauptverwaltung der Bertelsmann AG routinemäßig zusammengefunden hatten, um den Lagebericht des Vorstands zu hören. "Ich habe hier eine schreckliche Nachricht", sagte er, einen handgeschriebenen Zettel in der Hand, der ihm Momente zuvor zugesteckt worden war. "Ich glaube, ich lese das einfach mal vor."

Rund 5000 Menschen arbeiten im Bertelsmann-Tower am Times Square. Viele deutsche Mitarbeiter hatten schon in New York gearbeitet, haben Kollegen und Freunde in den USA. Zwei Krisenstäbe traten sofort zusammen, einer in Gütersloh, einer in New York unter Leitung des Chefs der Bertelsmann Music Group, Rolf Schmidt-Holtz. Der Chef der amerikanischen Bertelsmann Inc., der frühere Microsoft-Chefankläger Joel Klein, war in Brüssel von den Ereignissen überrascht worden und stieß am Abend zur Gruppe in Gütersloh. Dank E-Mail- und AIM-Kommunikation (AOL Instant Messenger), die das überlastete Telefonsystem ersetzten, wurde schnell klar, dass der Bertelsmann-Tower unbeschädigt, die Mitarbeiter in Sicherheit waren. Eine Gruppe unter Finanzchef Siegfried Luther erstellte einen Notfallplan, um die Finanzierung sicher zu stellen, da mit der Schließung von Börsen und Banken gerechnet wurde.

Die US-Gesellschaften waren quasi führungslos. Nicht nur Joel Klein war in Europa, auch Peter Olson, New Yorker Chef der Buchgruppe Random House war unterwegs. Trotz großer Schwierigkeiten gelang es der EDV-Abteilung erstmals in der Geschichte des Unternehmens, innerhalb nur einer Stunde eine E-Mail an alle Mitarbeiter aller Gesellschaften weltweit abzusetzen: der erste von mehreren "Letter from the Chairman", die folgten. Die interne Homepage "Planet B" wurde laufend aktualisiert, das Intranet "Bnet" sorgte für die Koordination auf Führungsebene. Eine Kernmanschaft aus Mitarbeitern und Führungskräften blieb vor Ort. Für die, die New York nicht verlassen und zu ihren Familien konnten, wurde der Bertelsmann-Tower als Schlafquartier geöffnet. Der deutsche Krisenstab löste sich Mittwoch morgen gegen 1 Uhr auf, um gegen 8 Uhr wieder zusammenzukommen. Für die Mitarbeiter der New Yorker Firmen Random House, BMG, Bookspan und Bertelsmann Inc. wurde eine zusätzliche Hotline geschaltet, bei der sie anonym anrufen konnten. In einer ersten Hilfsaktion spendet Bertelsmann je eine Million Dollar für Hilfsfonds der New Yorker Polizei und Feuerwehr.

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