Medien : Berti Vogts ist nicht smart

Tom Peuckert

verrät, was Sie nicht verpassen sollten Manchmal erfassen ihn in diesen Tagen Fernsehkameras. Ein schneller Schwenk über hintere Logenplätze. Das ist doch der kleine Berti Vogts, denkt man. Der sitzt also als offizieller Uefa-Beobachter in Portugals Stadien. Na ja, denkt man weiter, mit dem hat Fußballdeutschland auch nicht viel Glück gehabt. Was nur die halbe Wahrheit ist, wie Michael Lis sek in seinem schönen Feature „Sie ha ben ein anderes Spiel gesehen“ akribisch nachweist.

Stellen wir uns eine Rangliste vor, die jeden bisherigen Bundestrainer nach der Zahl seiner Siege mit Punkten bewertet. Der kleine Berti Vogts käme für seine Dienstzeit zwischen 1990 und 1998 auf den sagenhaften ersten Platz. Warum er trotzdem niemals unser aller Berti geworden ist und welche Rolle dabei die Imagepolitik der Medien spielte, erzählt Autor Lissek in einer sublimen Analyse (Kulturradio, 23. Juni, 22 Uhr 05, UKW 92,4 MHz).

Die Behauptung, Berti Vogts sei für einen erfolgreichen Nationaltrainer einfach nicht smart genug, ist ja fast ein Tabu. Wir wissen, dass Tabus explosive soziale Energien zähmen sollen. Den kulturellen Sinn dieser Praxis untersucht Burkhard Rein artz in seinem Feature „Die Macht der Ta bus" . Eine Umfrage unter Ethnologen, Psychoanalytikern und Medienexperten. Welche Tabus sollten uns unbedingt erhalten bleiben? Welche darf aggressive Liberalität heute schadlos abräumen (DLF, 24. Juni, 20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz)?

Praktische Tabuforschung betreibt Ste fan Amzoll mit seinem Bach-Feature „Und sie schrien abermals ..." . Da gibt es Musikwissenschaftler, die meinen, Johann Sebastian Bach habe die Rolle der Juden in seinen Passionen absichtlich verdüstert. Andere verweisen auf tendenziös redigierte Evangelien, die Bach zu seiner Zeit vorfand. In Israel spielt man die Passionen nicht besonders gerne. Was ist dran an Bachs Antijudaismus? (DLF, 25. Juni, 19 Uhr 15)?

Wer Rüdiger Safranskis schöne Bücher über Schopenhauer, Nietzsche und Heidegger liebt, wartet schon lange auf einen neuen Geniestreich des literarischen Porträtisten. Nun ist es endlich so weit. Zu Schillers 200. Todestag bringt Safranski sein neues Buch „Friedrich Schiller oder Die Erfindung des deutschen Idealismus“ heraus. Die Fans hoffen auf ein spannendes Lebensdrama nebst blutvollen Analysen zur deutschen Geistesgeschichte. Erste Kostproben aus dem neuen Werk gibt es im Radio (DLF, 26. Juni, 20 Uhr 05).

Voll Blut und Tränen auch Alfred Beh rens tolles Hörspiel „Die Liebe ist das, was du siehst“ . Die Passion der deutschen Achtundsechziger in einem furiosen Langgedicht. Kühler Jazz und heiße Utopien, langsames Erwachsenwerden und schnelles Sterben (Kulturradio, 27. Juni, 14 Uhr 05).

Was wir schon immer über die Graffiti-Szene wissen wollten, aber mangels Greifbarkeit ihrer Protagonisten nie erfragen konnten, gibt es nun in Stella Lunckes Feature „Aerosol“ zu hören. Ästhetische Partisanen erzählen über ihre Arbeit im städtischen Raum (Deutschlandradio, 28. Juni, 0 Uhr 05, UKW 89,6 MHz).

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