Berufswahl : Der Starfaktor

Ob Koch oder Tierpfleger, das Fernsehen fördert die Attraktivität von Berufen. Stars locken die Zuschauer an - und sie locken die Azubis an.

Rita Mohr
Stromberg Foto: obs/ Rewe Group
Lust an der Arbeit. Holger Stromberg am Herd. -Foto: obs/ Rewe Group

Der Mann, der im Juni die deutschen Nationalkicker verwöhnte, geistert noch immer als „EM-Koch“ durch die Kanäle. Holger Stromberg ist ein gefragter Mann. Fragten sie ihn früher, was es „nach dem Sieg“ zu essen geben würde (Stromberg: „Wiener Schnitzel“), so wollen sie heute von ihm wissen, wie gesunde Küche geht. Und Holger Stromberg, Maître mit Kickerkompetenz und eigenem EM-Titel, gibt Ernährungstipps. So richtig nötig hat der Berufsstand Eigenwerbung aber nicht. Wie Stefanie Heckel vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) feststellt, „ist die Wertschätzung von Köchen gewachsen“. Petra Pelizäus-Seidel von der Arbeitsagentur spricht vom „Anstieg des Sozialprestiges“. Dass die Medien kräftig dazu beigetragen haben, dass so mancher Koch zum „Showstar geworden ist“, wird von Stefanie Heckel als „Fakt“ gesehen, der seine zwei Seiten hat. Stars locken die Zuschauer an – potenzielle Hobbyköche, die beim Kreieren eines Menüs einen Heidenrespekt vorm Kochberuf entwickeln. Und sie locken die Azubis an.

Nachwuchssorgen dürfte der Kochberuf dank seiner Medienpräsenz eigentlich nicht kennen. Zumindest quantitativ schöpft die Zunft aus dem Vollen. Trotz eines stetig wachsenden Angebots von Ausbildungsplätzen wuchs der Bewerberüberhang von Jahr zu Jahr. Doch die Qualität der Bewerber stimmt oft nicht, beklagt Ctefan Wohlfeil, Präsident des Verbands der Köche Deutschlands. „Das Fernsehen spielt uns Leute in die Hände, die sich sagen, ‚da kann man ja ein Star werden‘, und solche Bewerber bringen völlig falsche Voraussetzungen mit.“

Ähnliche Sorgen zeichnen sich in den deutschen Tiergärten ab. Tag für Tag vermitteln ARD und ZDF, wie ereignisreich das Leben eines Tierpflegers sein kann. Die Zoo-Dokus zeigen so gut wie keine Drecksarbeit – denn irgendwo wartet immer ein Jungtier. Und wenn nicht gerade eine Leoparden-OP ruft oder eine Showeinlage mit dem Elefantenbullen fällig ist, sind präzise Kenntnisse der erogenen Zonen gefordert, auf dass Nashörner in Trance und Emus in Paarungsbereitschaft versetzt werden.

Tierpfleger zu sein, gilt als sexy; aber wohl erst, seitdem es die Zoo-Dokus täglich im Fernsehen gibt. Das sagen die Bewerberzahlen, die seit 2005 in die Höhe schnellen: 3972, 4985... Im Jahr 2007 zählte die Bundesagentur für Arbeit bereits 6278 Bewerber für 330 Azubi-Stellen. In Berlin melden Zoo und Tierpark jeweils um die tausend Bewerber im Jahr. „Knut hat keinen signifikanten Anstieg der Bewerberzahlen gebracht“, sagt Detlef Untermann, Sprecher der Zoologischer Garten Berlin AG. Aber die Zoo-Dokus brachten ihn: Bevor sie starteten, verzeichneten Zoo und Tierpark jeweils etwa 400 Azubi-Aspiranten weniger als heute.

Bundesweit betrachtet, stellen sich durchschnittlich 19 Bewerber für eine einzige Stelle an. Da muss es leider sehr viele Absagen geben, doch oft genug zum Besten für alle, meint Untermann. „Es melden sich immer mehr junge Menschen, die hinsichtlich ihrer Berufswahl noch unentschlossen und orientierungslos sind.“ Auch hier bringt das Fernsehen mehr Masse als Klasse, was einiges über das Mobilisierungspotenzial von Kochshows, Zoo-Dokus und dergleichen aussagt.

Abiturienten fragen laut Arbeitsagentur nie nach einer Stelle als Koch- oder Tierpfleger-Azubi; sie werden „durch Fernsehen nicht angesprochen“, sagt Sprecherin Petra Pelizäus-Seidel. Deshalb kommt der Hype, den gewisse akademische Berufe im Medium erfahren, nicht bei ihnen an. Rechtsmediziner zum Beispiel will niemand werden, nur weil die einschlägigen TV-Serien diesen Beruf mit Glamour überziehen. Das meint einer, der es wissen muss, nämlich Professor Michael Tsokos, Direktor der Rechtsmedizin der Charité, Leiter des Landesinstituts für gerichtliche und soziales Medizin und Tagesspiegel-Kolumnist.

Michael Tsokos spricht von einem „Imagewechsel“ für seinen Beruf. „Der Rechtsmediziner ist salonfähiger als noch vor zehn Jahren“, befindet er; damals habe „man gelegentlich die Nase gerümpft oder verstört reagiert“. Doch das ist ausgestanden, „wir sind en vogue“. Den Ansturm auf die Rechtsmedizin („die Bewerberzahlen steigen, wir haben eine größere Auswahl“) erklärt er sich aber mit „der guten Ausbildung hier an der Charité“. Dass seine Bewerber vom Fernsehen beeinflusst sein könnten, glaubt der Professor nicht. Er glaubt, dass sie so gut wie nie fernsehen.

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