Medien : Beslan-Berichte: „Das riecht nach Zensur“

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Die Entlassung des Chefredakteurs der Tageszeitung „Iswestija“ sorgte in den russischen Medien für Aufregung. Raf Schakirow musste gehen, nachdem das Blatt mit ganzseitigen Fotos und bissigen Kommentaren über das Blutbad von Beslan berichtet hatte. „Das riecht nach Zensur“, sagte die Chefin des Wirtschaftsblatts „Wedomosti“, Tatjana Lysowa. Für viele Journalisten passt der Rausschmiss ins Bild von Russland unter Präsident Putin, in dem die Medienfreiheit immer kleiner wird.

Die beiden Staatsfernsehsender ORT und Rossija zeigten in den Stunden der Geiselbefreiung vorauseilenden Gehorsam und ließen ihr nachmittägliches Unterhaltungsprogramm einfach weiterlaufen. Niemand in der Sendeleitung habe sich getraut, ohne Anweisung aus dem Kreml die Bilder aus dem Kaukasus zu zeigen, schimpften Zeitungsjournalisten später. Nur ausländische Sender zeigten live jene Aufnahmen der Erstürmung der Schule des Staatssenders Rossija, die den russischen Zuschauern zunächst vorenthalten wurden. Nur der früher private und heute von einem Staatskonzern kontrollierte Fernsehsender NTW zeigte in der ersten Stunde der Erstürmung Bilder aus Beslan.

Im Gegensatz zu den überregionalen Fernsehsendern herrscht in den meisten in Moskau erscheinenden Tageszeitungen ein spürbar kritischer Umgang mit der Staatsführung. Als „54 Stunden Lügen“ bezeichnete etwa die Zeitung „Russkij Kurjer“ die Informationspolitik der Behörden vom Überfall auf die Schule bis zum blutigen Ende des Geiseldramas.

Eine ähnlich deutliche Kritik am Vorgehen der Einsatzkräfte hat offenbar die Karriere Raf Schakirows bei „Iswestija“ beendet. Das Chaos während der Geiselbefreiung und die Ursache für das Sterben so vieler Kinder fasste die „Iswestija“ in einen Satz: „Die Terroristen schossen den Kindern in den Rücken, und die Soldaten trafen die Kinder ins Gesicht.“

Ob nun einer aus dem Kreml zum Telefon griff oder der Verlag von allein die Handbremse zog, ist unklar. Offensichtlich ist, dass der „Iswestija“-Eigentümer, der Großindustrielle Wladimir Potanin, es sich mit der Führung um Putin nicht verderben will.dpa

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