Medien : Besser als nie

Zehn Jahre nach dem Start stellt sich Radio Multikulti jetzt die Integrationsfrage

Ariane Bemmer

Ein bisschen ist es bei Radio Multikulti wie im echten Leben. Da machen seit Jahren viele Menschen aus verschiedenen Ländern zusammen Programm, aber ein richtiges Miteinander ist es nicht. Vietnamesen senden auf Vietnamesisch für Vietnamesen, Araber auf Arabisch für Araber, Russen auf Russisch für Russen. Was genau gesendet wird, lässt sich die Programmdirektion in unregelmäßigen Abständen auszugsweise übersetzen. Wie viele Berliner Ausländer zuhören, weiß man nicht, weil für Media-Analysen nur deutschsprachige Hörer befragt werden.

Und so gibt es bei diesem RBB-Sender auch keine Antworten auf die Fragen, die sich nach dem islamistischen und anti-islamistischen Terror in den Niederlanden in Deutschland viele stellen. Die Redaktion sucht ebenfalls noch. Programmchefin Ilona Marenbach hält die jetzt aufgeflammte Debatte für nützlich, auch wenn sie die harschen Urteile nicht teilt. „Multikulti ist nicht gescheitert“, sagt sie und warnt vor K.o.-Erklärungen. Die Mehrheit der Ausländer in Deutschland sei sehr wohl integriert, und die fühle sich zunehmend provoziert von der neuen Debatte. „Bei denen entsteht nun der Eindruck, sie seien doch nicht Teil der Gesellschaft“, so Marenbach. Das merke man auch in der Redaktion des Radiosenders: Da fragen sich jetzt die einen, ob sie all die Jahre Toleranz und Ignoranz verwechselt haben, andere wollen Versäumtes nachholen und zetteln mit arabischen oder türkischen Kollegen Gespräche über Kopftuch und Frauenunterdrückung an, worüber die dann wieder den Kopf schütteln. Aber Marenbach findet, dass diese Fragen jetzt beantwortet werden müssten.

Wie, das ist zum Beispiel beim heutigen Thementag „Parallelwelten in Berlin“ auf 96,3 Ukw zu hören (s. Kasten). Das ist nicht die einzige Programmänderung: Haroun Sweis vom arabischen Programm hat vier mal 30 Minuten Sendezeit pro Woche, in denen er Nachrichten bringt: aus 22 arabischen Ländern, Bundestag, Bundesrat und Berlin. Jetzt plant er eine neue Gesprächsrunde. Es gebe derzeit viele Anrufe, sagt er, vor allem von Frauen, die sich fürchten, mit Kopftuch auf die Straße zu gehen. Mehr Sendezeit wäre besser, findet Sweis, denn für viele Araber ist sein Programm die einzige Informationsquelle.

Im deutschsprachigen „Café Global“ (14 bis 17 Uhr) ging es früher um Musik oder Mode, aber seit dem Terror in den Niederlanden nur noch um Integration und Islam. Dass es neuen Gesprächsbedarf gibt, hat die Redaktion bei ihren Konferenzen gemerkt, wo Ideen von rund 50 Mitarbeitern aus mehr als einem Dutzend Nationen einfließen.

Radio Multikulti wurde 1994 als Reaktion auf die Anschläge in Mölln und Rostock gegründet. Es gibt bis 17 Uhr Programm auf Deutsch, danach bis 22 Uhr in 18 Sprachen. Jetzt die Kontrollen zu erhöhen, hält Marenbach für unsinnig. Die Basis der Zusammenarbeit sei Vertrauen. Die besten Kontrolleure seien ohnehin die Hörer. Die würden sich melden, wenn befremdliche Töne verbreitet werden.

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