Bestandsaufnahme : Wie geht’s, Deutschland?

So lala, antwortet ein ZDF-Film von Ex-"Stern"-Chefredakteur Michael Jürgs.

Thomas Gehringer
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Hunger. Menschen stehen bei der "Tafel" in Falkenberg für Lebensmittel an. -Foto: ZDF

„Wie geht's, Deutschland?“ ist ein Film der starken Kontraste: Eben noch im strahlend schönen Dresden, das Autor Michael Jürgs schwärmerisch wieder „Elbflorenz“ nennt, wechselt der Schauplatz in die brandenburgische Provinz. Bei der „Tafel“ in Falkenberg wird Essen ausgeteilt. Davor stehen die Menschen in Schlangen an, „wie einst in der DDR“, kommentiert eine Sprecherin aus dem Off. Und tatsächlich sagt eine arbeitslose Frau: „Manchmal wünsche ich mir die DDR zurück.“

Ein Kontrastprogramm bietet auch das Vorher-Nachher, etwa in Bitterfeld, das 1989 unter verpesteter Luft und vergiftetem Grundwasser litt. Im Jahr 2009 wird hier Solar-Energie produziert, die Luft ist klar, ein idyllisch anmutender See überdeckt gnädig die DDR-Altlasten, und Schwarzafrikaner trainieren für den Marathon. Auch wenn man gerne gewusst hätte, was die Rennläufer nun gerade nach Bitterfeld verschlagen hat: Es ist ein schönes Bild wider die Ost-Klischees.

Man ist versucht zu sagen: Ausgerechnet in einem Film von Michael Jürgs. Der frühere „Stern“-Chefredakteur tritt schon mal gerne in der Rolle des provokant zuspitzenden Wessis auf, unter anderem als Kolumnist des Tagesspiegels. Hier jedoch nimmt er sich im Tonfall zurück. „Ich war als Reporter, nicht als Oberlehrer unterwegs", betont Jürgs. Eine Botschaft habe der Film nicht, „Wie geht's, Deutschland?“ sei ein Film über die Lage der Nation. „Wir sind mit der Erwartung losgefahren, auf schlechte Stimmung zu stoßen. Das war nicht der Fall“, sagt Claudia Bissinger. Gerade junge Menschen hätten sich überraschend positiv geäußert.

Dem Jahrestag des Mauerfalls ist geschuldet, dass Jürgs und Bissinger ausführlich an wichtige Ereignisse der Wendezeit erinnern. Das gibt wieder hübsche Kontraste. Bemerkenswert zu sehen, wie sich Angela Merkel von einer verhuschten Pressesprecherin zur Kanzlerin wandelte. Oder wie Matthias Platzeck vor 20 Jahren noch mit Rauschebart am Runden Tisch Demokratie einforderte und nun als Ministerpräsident vor die Kamera tritt. Vielleicht hat Jürgs, der doch „raus zu den Menschen fahren“ wollte, zu viele Prominente versammelt, aber leere Worthülsen von Politprofis sind selten zu hören.

Und wie geht's Deutschland also? So lala. Oder: Kommt darauf an, in welchem Ort man sich befindet. Da fällt der Film etwas einseitig aus. Der Westen ist im Wesentlichen durch das Ruhrgebiet vertreten, das Jürgs und Bissinger so präsentieren, als sei das die DDR der Gegenwart, mit Schlaglöchern in den Straßen und aus Finanznot geschlossenen Hallenbädern. Hier müssen Kommunen Kredite aufnehmen, um ihren Verpflichtungen für den Aufbau Ost nachkommen zu können. Jürgs plädiert für einen „Aufbau Deutschland“.

„Wie geht’s, Deutschland?“, ZDF, um 22 Uhr 15

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