Bestechung : Von wegen Reporter

In China lassen sich Journalisten bezahlen, um über Missstände nicht zu schreiben.

Benedikt Voigt[peking]
Chinas Presse
Trau, schau, wem. Eine Pekinger Presseschau vom Donnerstag. Noch immer ist in China kein Verlass darauf, dass verlässliche...Foto: AFP

Als der Fotoreporter Dai Xiaojun am 25. September bei der Kohlenmine Huo Bao Gan in der Provinz Shanxi eintraf, waren ihm andere Kollegen zuvorgekommen. Über 100 Journalisten hatten sich nach seiner Aussage eingefunden, angelockt von einem tödlichen Unfall eines Minenarbeiters, den die Minengesellschaft gesetzeswidrig nicht bei den Behörden gemeldet hatte. Was der Reporter anschließend in den Büroräumen der Minenverwaltung sah, erschütterte ihn: Die Journalisten ließen sich registrieren und stellten sich an – um Geld in Empfang zu nehmen. Schweigegeld.

Dai Xiaojun von der „Shanxi Times“ ist an jenem Tag Zeuge eines Phänomens geworden, das in China „Schwarzer Journalismus“ genannt wird: Journalisten, die sich bezahlen lassen, um eine Geschichte nicht zu berichten. „Das ist kein Einzelfall“, sagt David Bandurski, Rechercheur des China-Medien-Projekts der Universität Hongkong. „das ist nur die Spitze eines Eisberges.“ Der Journalismus kämpft in China nicht nur mit der staatlichen Zensur, er hat auch ein großes Korruptionsproblem. „Ungewöhnlich an diesem Fall ist nur eines“, sagt David Bandurski, „dass er ans Licht gekommen ist.“

Journalisten werden massenhaft bestochen

Dai Xiaojun von der „Shanxi Times“ hatte heimlich und blitzschnell Fotos von den Bestechungen gemacht. Laut seinen Aussagen waren mehrere Büroräume mit Journalisten gefüllt, die ihr Medium in ein mindestens zwölfseitiges Buch eintrugen, von dem er vier Seiten fotografiert hat. Anschließend erhielten die Journalisten einen Bestätigungszettel, den sie in einem anderen Raum in Geld tauschen konnten. Die Summen sollen von hundert bis zu mehreren tausend Euro variiert haben. Da die Geschichte für seine Zeitung zu heikel war, veröffentlichte Dai Xiaojun seine Fotos im Internet. Allerdings wurde der Eintrag bald gelöscht, weshalb er und ein Blogger-Kollege die Geschichte auf anderen Internetseiten publik machten. „Sie wurde auch dort schnell gelöscht, aber ich habe sie sehr schnell weitergepostet“, sagt Dai Xiaojun der Zeitung „Zhengzhou Abendnachrichten“. Nicht nur andere Blogger, auch die Zeitung „China Youth Daily“ entdeckte die Geschichte und berichtete. Die Behörden mussten reagieren. Eine Untersuchung der Generalverwaltung für Presse und Publikationen (Gapp) ergab eine leicht veränderte Version der Ereignisse. Demnach hätten sich an jenem Tag „nur“ 28 Journalisten eingefunden. Davon sollen 26 falsche Journalisten gewesen sein. Das sind Reporter, die nur behaupten, für ein Medium zu arbeiten, um Bestechungsgelder zu kassieren.

Das Phänomen der falschen Journalisten gibt es vor allem im Kohleabbaugebiet der Provinz Shanxi. Dort ist es für viele illegale Minen nach einem tödlichen Unfall billiger, das Unglück zu vertuschen und Schweigegelder zu zahlen, als Verwandte des Opfers zu kompensieren und teure staatliche Strafen zu begleichen. Oft arbeitet deshalb die Bevölkerung nach einem Unglück mit falschen Journalisten zusammen, wie „China Youth Daily“ berichtet. „Die Dorfbewohner versorgen die falschen Journalisten mit Informationen“, schreibt die Zeitung, „wenn die falschen Journalisten dann Geld von den Minenbossen bekommen haben, geben sie den Dorfbewohnern einen kleinen Teil ab.“

Falsche Journalisten

David Bandurski glaubt, dass die chinesischen Behörden in öffentlich bekannt gewordenen Bestechungsfällen gern die Zahl der falschen Journalisten zu hoch ansetzen, um nicht das ganze Ausmaß der Korruption im chinesischen Journalismus ans Tageslicht treten zu lassen. Zudem werden sogar echte Journalisten als falsch bezeichnet, wenn sie nicht im Besitz des staatlichen Presseausweises sind. „Korruption im Journalismus ist in China weitverbreitet“, sagt David Bandurski. Oft kommen Journalisten nur zu PR-Veranstaltungen, wenn sie dort rote Umschläge mit einer Geldsumme erhalten. In der Pressemappe finden sie dann einen Vorschlag, wie sie zu berichten haben. Diese Art von Bestechungsgeldern wird in China „Witzgebühren“ genannt. Bandurski glaubt, dass die Korruption mit der zunehmenden Kommerzialisierung der chinesischen Medien zugenommen hat. „Aber es gibt auch die andere Seite der Medaille, in einigen chinesischen Medien eine Bewegung hin zu einer größeren Professionalisierung.“ Beispielsweise loten das Wirtschaftsmagazin „Caijing“ und die Tageszeitung „Southern Metropolis Daily“ die Grenzen der staatlichen Zensur aus und gelten als unabhängige und kritische Publikationen.

Auch Dai Xiaojun zählt zur anderen Seite der Medaille. „Ich bin ein bisschen anders, unabhängig und idealistisch“, sagt er den „Zhengzhou Abendnachrichten“, „ich möchte, dass die Gesellschaft sauberer und fairer wird.“ Der 42 Jahre alte Fotojournalist bleibt bei seiner Darstellung, dass sich an jenem Tag rund 100 Journalisten bei der Mine versammelt hätten. Sein Idealismus hat auch Folgen für ihn. Seit er an die Öffentlichkeit gegangen ist, erhält er täglich Drohanrufe. Er vermutet dahinter den Minenbesitzer – und bestochene Journalisten.

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