Medien : Besuch im „Land der Vernichtung“

Hans-Jörg Rother

Majdanek, Treblinka, Belzec, Sobibor. Die vier Vernichtungsstätten in Ostpolen werden nicht so oft besucht wie Auschwitz-Birkenau, vielleicht weil sie, nahe der weißrussischen und ukrainischen Grenze gelegen, schlechter zu erreichen sind. In dieser Region hat das Hamburger Polizei-Bataillon 101, eine etwa 560 Mann starke mobile Einsatzgruppe, 1942/43 bei den Aktionen „Reinhardt“ und „Erntefest“ insgesamt 1,7 Millionen Juden umgebracht.

Im Sommer 2003 ist der Berliner Filmemacher Romuald Karmakar dorthin gefahren, um einen Spielfilm über das Polizei-Bataillon vorzubereiten. Er war allein unterwegs, in der Hand eine Mini-DV-Kamera, nur selten von einem Dolmetscher begleitet, so dass die Gespräche mit den Leuten, die ihm den Weg zeigen oder die er in der Nähe der Gedenkstätten anspricht, oft schwierig vonstatten gehen. Aus den 15 Stunden langen Material entstand ein auf der Berlinale 2004 noch 140 Minuten langer, für die Fernsehausstrahlung um 13 Minuten gekürzter Film.

Aus den Begegnungen mit den oft zufällig ansässig gewordenen Leuten könnte man leicht einen Vorwurf heraushören. Warum redet der Bursche, der zu den Fragen Karmakars lustlos die Schultern hebt, so gut wie nie mit den Besuchern, die von weither nach Sobibor kommen, und wie kann die Frau ruhig über dem einstigen Gestapokeller von Belzec schlafen? Aber in Dachau, Sachsenhausen oder Weimar würde der Regisseur kaum empfindsamere Antworten bekommen. Wenn dieser eindringliche Film etwas anklagt, dann ist es unser aller Vergesslichkeit, die Bereitschaft, das ungeheuerliche Geschehen des Holocaust zu verdrängen.

In der überhitzten Atmosphäre der vorjährigen Duisburger Dokumentarfilmwoche haben Kritiker Karmakar effekthascherische Naivität vorgeworfen. Doch wo stoßen die Filme des streitbaren Regisseurs nicht auf Widerspruch? Karmakar („Der Totmacher“, „Die Nacht singt ihre Lieder“) ist kein naiver Holocaust-Reisender. Er wusste, was an diesen Orten geschah, aber er wollte die Trauer beim Anblick der leer geräumten Gruben im Wald, der mit rotweißen Bändern abgesteckten Massengräber, der kilometerweiten Grabfelder aushalten.

„Land der Vernichtung“: 3sat, Sonntag, 21 Uhr 15

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