Betrugsskandal beim KiKa : "Ich bin der Betrogene, nicht der Betrüger"

Sieben Millionen Euro Betrug beim Kinderkanal – wie geht das? Udo Reiter ist als MDR-Chef verantwortlich für den KiKa. Ein Gespräch über Versagen, Versäumnisse und persönliche Konsequenzen.

Unter Druck. Udo Reiter leitet seit 1991 den Mitteldeutschen Rundfunk. Der MDR ist der federführende Sender für den Kinderkanal von ARD und ZDF.
Unter Druck. Udo Reiter leitet seit 1991 den Mitteldeutschen Rundfunk. Der MDR ist der federführende Sender für den Kinderkanal...Foto: Susann Friedrich/MDR

Herr Reiter, hat es in der ARD jemals einen größeren Betrugsfall gegeben als den, den wir gerade beim KiKa erleben?

Ich kenne keinen. Diesen Ruhm haben wir für uns.

Um welche Summe geht es?

Das wissen wir noch nicht genau. Es wird jetzt alles geprüft, am Ende wird man zusammenzählen. Am 17. Januar werde ich dem Verwaltungsrat und dem Rundfunkrat einen Zwischenbericht vorlegen.

Versuchen Sie doch mal für uns eine Schätzung.

Es dürften auf jeden Fall diese sieben Millionen Euro werden, von denen immer zu lesen ist.

Wie hoch ist das Jahresbudget des Kinderkanals?

Das Programm des KiKa entsteht zum Teil durch Zulieferungen von ARD und ZDF. In Erfurt selbst stehen pro Jahr 37 Millionen Euro für die Programmproduktion zur Verfügung.

Der Betrug soll im Jahr 2005 angefangen haben. Da ergibt sich bei insgesamt sieben Millionen Schaden die hübsche Summe von mehr als einer Million Euro pro Jahr. Wie geht das?

Das fragen wir uns auch. Es ist in der Tat schwer nachzuvollziehen, wie das im Detail abgelaufen ist. Der Mann, um den es hier geht, hat den KiKa mit aufgebaut, er war der zweite Mann beim KiKa, er kannte jeden Winkel des Senders und galt außerdem als vertrauenswürdig und zuverlässig. Er hatte also eine gewisse Schlüsselposition. Und die hat er offenbar rücksichtslos und mit hoher krimineller Energie ausgenutzt, anders ist der ganze Vorgang nicht zu erklären.

Hat denn niemand etwas geahnt?

Im Nachhinein hört man jetzt allerlei Gerüchte, zum Beispiel, dass der Mann ein Spieler gewesen sei und öfter in einem bestimmten Casino gesehen worden sei. Dem wurde auch nachgegangen, es hieß dann, er habe eine Erbschaft gemacht. Dabei hat man es belassen. Es gab da nie etwas Handfestes.

Keine internen Prüfungen?

Doch, das ist es ja. Unsere eigene Revision hat den KiKa geprüft, die des Hessischen Rundfunks hat geprüft, ebenfalls die vom ZDF, dazu die Landungsrechnungshöfe von Thüringen und Rheinland-Pfalz. Es gab etliche Vorschläge für interne Verbesserungen, aber keinen Hinweis auf den Betrugsfall.

Das heißt: Hätte sich der Kompagnon des Mannes, der in Berlin sitzt, nicht offenbart, die Sache wäre immer so weitergegangen?

Das glaube ich nicht. Wir haben ja nach dem Fall des Sportchefs Wilfried Mohren die internen Kontrollmechanismen im MDR sehr verschärft. Das hat den Spielraum für solche Betrügereien stark eingeengt. Die Gefahr, entdeckt zu werden, ist gestiegen. Möglicherweise war das der Grund für die Selbstanzeige des Kompagnons in Berlin. Wenigstens insofern hätten sich unsere Maßnahmen dann als wirksam erwiesen.

Schön für den MDR.

Die ganze Sache ist so unschön, dass Sie uns diesen kleinen Effekt getrost gönnen dürfen.

Aber verstehen wir Sie richtig: Sie hätten die Sache nicht verhindern können?

Wir haben die Schrauben nach dem Fall Mohren so eng angezogen wie nur irgend möglich. Aber irgendwo müssen Sie auch noch Platz lassen für kreatives Handeln. Wir machen ja Fernsehen und produzieren keine Autos. Sie können natürlich eine perfekte Kontrollmaschine aufbauen. Dann hätten sie vielleicht keine Betrugsfälle mehr, aber vermutlich auch kein lebendiges, flottes Programm. Wir sind da in einer Zwickmühle. Aber keine Frage: Wir müssen nach diesen Erfahrungen bei den Kontrollen nachlegen, zumal der Kinderkanal wegen seiner Sonderstellung bisher mehr Freiheiten hatte als beispielsweise das MDR-Fernsehen.

Zuletzt hat im Jahr 2009 Ihre eigene Revisionsabteilung geprüft und nichts gefunden. Die Sache war wasserdicht!

Zumindest raffiniert angelegt. Es wurden zwar einzelne Punkte moniert, aber es ist so, wie Sie sagen: Den eigentlichen Betrugsfall hat niemand entdeckt.

Welche Schwachstelle hat der Betrüger ausgenutzt?

Es geht um den komplizierten Zusammenhang von Anforderung, Bestellung und Abrechnung von Produktionshilfen. Das ist beim MDR aus Kontrollgründen strikt getrennt, beim KiKa war das wegen seiner besonderen Organisationsform nicht so strikt. Da lag offenbar das Tor zum Geld.

Sieben Millionen abgerechnet für nicht erbrachte Leistungen oder für überhöhte Rechnungen?

Es gab beides.

Wie erklären Sie es sich, dass bei diesen Summen niemandem aufgefallen ist, dass es keine Gegenleistung gab? Und das bei einem so kleinen Etat. Schier unglaublich.

Die Rechnungen waren offenbar so detailliert und spezifisch, dass ein Außenstehender, der nicht direkt in den Betrieb involviert ist, nur sehr schwer nachvollziehen kann, ob eine Position korrekt ist oder nicht. Eine bessere Erklärung habe ich dafür bislang nicht bekommen.

Wenn ein Programm wie der Kinderkanal bestens läuft, obwohl ihm Jahr für Jahr Mittel abgezwackt werden, dann bleibt nur eine Schlussfolgerung: Der KiKa hat sowieso zu viel Geld gehabt.

Diese Schlussfolgerung werden einige ziehen. Wir werden uns den Etat natürlich ansehen. Aber man sollte jetzt erst einmal die Untersuchungen abwarten.

Herr Reiter, müssen Sie damit rechnen, dass Ihnen der Skandal auf die Füße fällt?

Der KiKa ist ja eine Gemeinschaftseinrichtung von ARD und ZDF. Insofern sind wir alle beschädigt. Aber richtig ist, dass der MDR als Federführer hier eine besondere Verantwortung trägt. Ich habe damals persönlich sehr viel dazu beigetragen, dass der KiKa nach Erfurt kam. Und er wurde ja auch ein großer Erfolg. 2010 war gerade sein bisher erfolgreichstes Jahr. Deswegen ärgert mich diese Schweinerei auch ganz besonders.

Sie sind der Treuhänder dieser Gebührengelder. Und damit der Verantwortliche.

Ja, und ich werde dafür sorgen, dass die Sache rückhaltlos aufgeklärt wird, und dass dergleichen in Zukunft nach menschlichem Ermessen nicht mehr geht.

Monika Piel, Intendantin des WDR, hat öffentlich darüber nachgedacht, ob man dem MDR nicht ein bisschen helfen müsse. Mit anderen Worten: dem MDR einen Aufpasser an die Seite zu stellen.

Nein, das hat sie nicht gesagt, das wurde ihr allenfalls in den Mund gelegt. Sie wurde gefragt, ob der ARD-Vorsitz möglicherweise helfen könnte, und sie hat angeboten, darüber nachzudenken. Das würde im Moment aber nichts bringen. Wir werden die Sache aufklären, dann müssen wir uns dem eigentlichen Problem widmen: Wie können wir verhindern, dass so etwas noch einmal passiert?

Haben Sie Hoffnung, das Geld zurückzubekommen?

Wir werden es natürlich versuchen. Wir wissen nicht, ob alles in der Spielbank geblieben ist. Wenn nicht, dann werden wir es uns zurückholen, das kann ich Ihnen versprechen.

Ist es nur ein dummer Zufall, dass der MDR wiederholt mit Betrugsfällen zu kämpfen hat?

Wir hatten – vom KiKa abgesehen – im MDR bisher in zwanzig Jahren einen Betrugsfall. Das gibt es bei anderen Sendern, weiß Gott, auch.

Alles nur singuläre Ereignisse, Sternschnuppen, die am Himmel verglühen? Oder geht es auch darum, Strukturen zu verändern?

Ich sagte ja schon, dass wir uns auch die Strukturen ansehen und, soweit möglich und nötig, Änderungen durchsetzen werden. Dazu werde ich dem Verwaltungsrat und dem Rundfunkrat Vorschläge machen.

Prügeln eigentlich Ihre Intendanten-Kollegen auf Sie ein?

Warum sollten sie. Ich bin ja nicht der Betrüger, sondern der Betrogene. Da verdient man ja fast schon Mitgefühl.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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