Beutekunst : Das Gold aus der Kiste

Politisch hoch brisant: Eine ZDF-Dokumentation beschäftigt sich mit den Beutekunstbeständen in Russland.

Christina Tilmann

Der Zeitpunkt könnte nicht besser gewählt sein: Gerade feiert das Neue Museum auf der Museumsinsel Richtfest und öffnet für drei Tage seine Türen fürs Publikum, bevor danach alles für die Eröffnung 2009 vorbereitet wird. In den Räumen des Stülerbaus, die von Architekt David Chipperfield nach verheerenden Kriegsschäden behutsam wiederhergestellt worden sind, soll auch das Museum für Vor- und Frühgeschichte erneut seinen Platz finden. Oder besser: das, was von dem Museum noch übrig ist.

In Carola Wedels Filmdokumentation „Die verlorenen Schätze der Museumsinsel“ steht Wilfried Menghin, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, das derzeit im Langhans-Bau des Charlottenburger Schlosses untergebracht ist, einigermaßen unglücklich in den Rohbau-Räumen des Neuen Museums und betrauert seine Verluste: Mehr als 80 Prozent der Bestände, darunter die Highlights, die kostbaren Goldfunde von Eberswalde, der Schatz der Merowinger sowie der berühmte Schliemann-Schatz galten nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang als verschollen.

Seit 1995 weiß man, dass sich die Prunkstücke in den Depots der Museen von Moskau und St. Petersburg befinden – noch immer originalverpackt in den Berliner Kisten. Inzwischen ist man in Russland darangegangen, die Kisten auszupacken und die Funde den eigenen Beständen einzugliedern – bald wird nicht mehr erkennbar sein, aus welchen Grabungszusammenhängen sie kommen, fürchtet Menghin. Die handschriftlich beschrifteten Pappkarten wandern in den Müll – „Das wird man alles mühsam rekonstruieren müssen“, warnt der Museumsmann.

Mit der Merowinger-Ausstellung, die im März 2007 im Moskauer Puschkin-Museum und danach in der Eremitage in St. Petersburg zu sehen war, setzt Wedels exzellent recherchierter und politisch brisanter Film ein. Es ist der siebte Teil einer Langzeitdokumentation, mit der das ZDF die Wiederherstellung der Berliner Museumsinsel begleitet, und trotzdem versteckt man den Film wieder schamhaft im Nachtprogramm – warum?

Carola Wedel erzählt einen Kunstkrimi, die Merowinger-Ausstellung ist ein Politikum – in Deutschland durften die goldenen Armreifen, Speerspitzen und Schmuckstücke nicht gezeigt werden, da sie völkerrechtlich deutsches Eigentum sind und hier beschlagnahmt worden wären. Die russischen Museumsexperten, an vorderster Stelle Irina Antonowa, die 85-jährige Direktorin des Puschkin-Museums, die als junge Soldatin 1945 beim Abtransport der Stücke aus Berlin dabei war, halten dagegen, dass die „Trophäen“ Entschädigungen für die großen Verluste seien, die die Deutschen im Zweiten Weltkrieg den Russen zugefügt hätten. Viele Kunstschätze, die führende Nazis wie Heinrich Himmler oder Alfred Rosenberg aus Russland nach Deutschland überführt hätten, seien nie zurückgegeben worden.

Es gehört zu den entschiedenen Stärken des Films, dass auch diese Argumente genannt werden. Mag sein, dass das Zugeständnis, die Trophäenkommission der Roten Armee, die 1945 in Deutschland auf Raubzug ging, nicht zu sehr in den Vordergrund zu stellen, eine Grundbedingung der Dreherlaubnis in Russland war. An Irina Antonowa, der „eisernen Lady“ des Puschkin-Museums, ist Wedel gleichwohl gescheitert, und konzentriert sich daher im Film auf die zweite Station in St. Petersburg.

Doch gerade hier erscheint das Thema Beutekunst noch einmal anders brisant. Auch die Petersburger Eremitage wurde, wie die Berliner Museumsinsel, während der dreijährigen deutschen Blockade nach 1941, die über einer Million Petersburger den Tod brachte, evakuiert. Auch hier kampierten die treuen Museumsangestellten Monate im Keller, legten im Garten Gemüsebeete an, bewachten ihre Schätze, so wie Wilhelm Unverzagt, Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte, im Flakbunker Zoo seine drei Goldkisten bewachte. Dass die St. Petersburger, die Carola Wedel in der Ausstellung befragte, in Angedenken an die schmerzlichen Verluste mehrheitlich der Meinung sind, die Beutebestände sollten in Russland bleiben, wer will es ihnen verdenken? Da wird auch Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, mit seinem berechtigten Hinweis, ein solcher Verstoß gegen das Völkerrecht werde weltweit ein übles Beispiel abgeben, wahrscheinlich ungehört verhallen.

„Die verlorenen Schätze der Museumsinsel“, ZDF, 0 Uhr 15

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