Bewegende Bilder : Leere Netze

Piraten vor Somalia, ein Konflikt und seine Ursachen - eine von der BBC produzierte Dokumentation auf Arte.

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Albtraum eines Segeltörns. Florian Lemaçon sollte aus der Gewalt von Piraten befreit werden. Dabei starb er. Foto: Arte
Albtraum eines Segeltörns. Florian Lemaçon sollte aus der Gewalt von Piraten befreit werden. Dabei starb er. Foto: ArteFoto: © Chloe Lemacon/Films of Record

Am 4. April 2009 glaubten sich die Lemaçons auf ihrer Segeljacht „Tanit“ in Sicherheit. Doch dann passierte es. 600 Kilometer von der somalischen Küste entfernt kaperten Piraten das Luxusboot, das die dreiköpfige Familie und ein befreundetes Paar um die Welt tragen sollte. Fünf Tage später befahl der französische Präsident die gewaltsame Befreiung, bei der Florent Lemaçon getötet wurde. Die Aktion ist im Bild festgehalten, auch das unbeschwerte Sonnen- und Badevergnügen zuvor.

„Wenn du nicht mit der Armut teilst, wird die Armut mit dir teilen“, heißt es am Schluss der von der BBC produzierten Dokumentation „Piraten vor Somalia – Mission impossible?“. Regisseur James Rogan und sein aus Somalia stammender Koautor Sam Egag stellen die Genesis dieses „Krebsgeschwürs“ der Seefahrt vor Augen: Weil Fischtrawler aus aller Welt den Zusammenbruch des somalischen Staates dazu nutzten, die Küstengewässer leer zu fischen, kehrten die Einheimischen mit leeren Netzen heim. Anfangs entlud sich ihre Wut nur gegen die übermächtige Konkurrenz. Doch der Erfolg machte süchtig. Inzwischen belaufen sich die Lösegeldforderungen für die Handelsschiffe auf mehrere Millionen Dollar, und sie werden erfüllt. Ende 2010 waren trotz des internationalen Marineeinsatzes 26 Schiffe in der Hand von Entführern.

Die achtzig Minuten lange Dokumentation beeindruckt vor allem dann, wenn sie bildkräftig wird. Anwälte der Reeder und Afrikaexperten mögen Kluges über die mehr als verfahrene Lage und die Beeinträchtigung des freien Welthandels sagen, Brisanz entsteht erst, wenn der Zuschauer Augenzeuge wird, wie beim Kapern der „Tanit“ das naive Denken gutmeinender Wohlstandsbürger auf eine Gegenaktion der „Verdammten dieser Erde“ (Frantz Fanon) prallt. „Das kolonisierte Ding“ wird Pirat, wenn es nicht Mensch sein kann. Diese Videoschnipsel von Amateuren sind ein Glücksfall für die Regie, der zu einem großen Dokumentarfilm über die Katastrophe Somalias der nötige Mut fehlte.Hans-Jörg Rother

„Piraten vor Somalia – Mission impossible?“, 22 Uhr 15, Arte

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