Bewerber-Show : An die Arbeit

Der Berliner Bewerbungsexperte Jürgen Hesse soll bei RTL Menschen wieder in den Job bringen.

Innere Werte zählen. Davon ist Theo Betzel (li.) überzeugt. Berufsstratege Jürgen Hesse versucht, den Mann vorm Bewerbungsgespräch zum Friseurbesuch zu überreden.
Innere Werte zählen. Davon ist Theo Betzel (li.) überzeugt. Berufsstratege Jürgen Hesse versucht, den Mann vorm Bewerbungsgespräch...Foto: RTL

In seinem Büro am Hackeschen Markt in Berlin-Mitte empfängt Jürgen Hesse normalerweise Manager, die ein Jahresgehalt zwischen 80 000 und 250 000 Euro verdient haben und nun einen Job suchen, entweder, weil sie entlassen wurden oder sich neu orientieren wollen. Der Bewerbungs- und Karrierecoach Hesse hilft ihnen dabei, er optimiert ihre Unterlagen und trainiert mit ihnen Vorstellungsgespräche. Dass sie bei den Gesprächen gut sitzende Anzüge und polierte Schuhe tragen, laut und deutlich sprechen und sich höflich für die Einladung bedanken sollten, muss er den Managern nicht mehr sagen.

Theo Betzel dagegen schon. Betzel, 54, trägt eine Vokuhila-Frisur: die Haare vorne kurz, hinten lang, einen ungepflegt aussehenden Bart und über den mächtigen Bauch zieht er am liebsten wild gemusterte T-Shirts – aber an seinem Aussehen kann es nicht liegen, dass er seit zwei Jahren und trotz 150 Bewerbungen keinen Job findet, ist Betzel überzeugt. Es komme doch auf seine inneren Werte an.

Der Berliner ist ein Fall für Hesse. Im neuen RTL-Coaching-Format „Endlich wieder Arbeit!“ soll der 58-Jährige Psychologe Menschen wieder in den Job verhelfen – und den Boom der Coaching-Formate beim Privatsender neu befeuern, nachdem Sendungen wie „Super Nanny“ und „Raus aus den Schulden“ zuletzt sinkende Quoten verzeichnen mussten.

Sender wie RTL setzen mit den Lebenshilfe-Formaten aufs Identifikationspotenzial, denn Probleme mit Kindern und Finanzen dürften viele Zuschauer kennen, ebenso die Schwierigkeiten der Jobsuche: Rund 3,6 Millionen Menschen sind zurzeit in Deutschland arbeitslos gemeldet, 6,8 Millionen empfangen Hartz-IV.

Weil bei den Help-TV-Formaten aber nicht alltägliche, sondern extreme Fälle faszinieren, sind bei „Endlich wieder Arbeit!“ keine kompetenten Manager zu sehen, sondern Familien wie die Betzels aus Berlin-Tempelhof: Mutter Gisela, 56, ist in der fünfköpfigen Familie die einzige mit Job. Obwohl sie gerade einen Herzinfarkt hatte und arbeitsunfähig ist, arbeitet sie nachts in der Postverteilung. Tochter Cindy, 20, findet seit zwei Jahren und trotz mehr als 300 Bewerbungen keinen Ausbildungsplatz als Tierarzthelferin, ihr Verlobter Martin, 23, liegt lieber auf dem Sofa rum, als Bewerbungen für eine Anstellung als Tischler zu schreiben. Dazu kommt Vater Theo, der überzeugt ist, nicht selbst schuld an seiner Misere zu sein.

„Eine typische Berliner Familie. Sie hat gelernt, mit ihrem Unglück zu leben“, analysiert Hesse. Er muss alleine schon aus dem Anschreiben von Cindys Bewerbungsunterlagen zehn Rechtschreibfehler streichen, mit Martin übt er geduldig ein Vorstellungsgespräch: „Woher wissen Sie, dass Sie ein guter Tischler sind?“, fragt Hesse. „Weil ich zwei linke Hände habe“, sagt Martin. Aua.

Der Gefahr, dass die Kandidaten in solchen Sendungen vor Millionen Zuschauern vorgeführt werden, ist sich Hesse bewusst: „Aber sie haben sich ja freiwillig gemeldet“, sagt er, „und letztendlich profitieren sie von der kostenlosen Hilfe ja auch.“

Erst durch seine eigene Arbeitslosigkeit ist Hesse zum Bewerbungsexperten geworden. Nach seinem Psychologiestudium hatte er ein Jahr lang einen Job gesucht, bis er Geschäftsführer der Telefonseelsorge wurde, für die er zuvor schon fünf Jahre lang gearbeitet hatte. Daher vielleicht auch Hesses leicht pastoraler, stets sehr verständnisvoller Ton, den er auch dann beibehält, wenn Martin verkündet, keine Lust mehr auf Hesse und seine klugen Ratschläge zu haben. Dafür hat Hesse dann bei Cindy und Theo Betzel mehr Erfolg.

Nicht nur die beiden Kandidaten, sondern auch die Zuschauer könnten etwas aus der Sendung lernen, glaubt Hesse: „Mich überrascht immer wieder, dass viele Leute selbst banale Sachen nicht wissen. Beispielsweise, dass Bewerbungsfotos nicht aus dem Passbildautomaten kommen sollten.“ Oder eben, dass ein zotteliger Vokuhila-Träger nicht die besten Chancen bei der Jobsuche hat. sop

„Endlich wieder Arbeit!“, Sonntag,

19 Uhr 05, RTL

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