Medien : Bier, Bernhard und Bilanzen

Tom Peuckert

verrät, was Sie nicht verpassen sollten Vor einem halben Jahrhundert starb Josef Stalin. Danach folgte im Ostblock die so genannte Entstalinisierung. Plötzlich waren Dinge möglich, die eben noch nach Hochverrat rochen. Zum Beispiel der Besuch zweier prominenter Künstler aus Ost-Berlin in einer West-Berliner Kneipe, zwecks Diskussion mit dem politischen Gegner. Am 2. Dezember 1954 erschienen Bertolt Brecht und der DDR-Kulturminister Johannes R. Becher in einem Lokal am Nollendorfplatz. Dort wartete eine Gruppe West-Berliner Journalisten auf sie. Beim Bier stritt man lange und erbittert über Wert und Unwert der verfeindeten Systeme. Es gibt ein Bandaufnahme dieses „Gesprächs unter Feinden“ , deren Ausstrahlung man sich nicht entgehen lassen sollte (Kulturradio, 1. Dezember, 19 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

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In Thomas Bernhards Romanen finden wir oft traurige Intellektuelle, die Zuflucht bei bürgerlichen Tatmenschen suchen. In Bernhards wirklichem Leben ist der Realitätenhändler Karl Ignaz Hennetmair so ein Retter gewesen. Hennetmair verkaufte dem Schriftsteller Immobilien, er sorgte dafür, dass Bernhard mit seinem Geld vernünftig umging, aber vor allem hörte er den grandiosen Weltekelmonologen seines Freundes geduldig zu. Irgendwann ahnte Karl Ignaz Hennetmair, dass diese Monologe eigentlich der Nachwelt gehören und begann sie zu protokollieren. „Ein Jahr mit Thomas Bernhard“ heißt das üppige Buch, das daraus entstand. Die Autorin Heike Tauch hat den Text fürs Hörspiel bearbeitet (SWR 2, 2. Dezember, 21 Uhr, Kabel UKW 107,85 MHz).

Wäre Andrej Tarkowski nicht so früh gestorben, hätte er wohl noch einen Film in Berlin gedreht. Der Regisseur interessierte sich für die deutschen Romantiker, besonders für E. T. A Hoffmann, den der Volksmund Gespenster-Hoffmann nannte. Ein lebenslanger Grenzgänger zwischen Realität und Traum, ein genialer Konstrukteur fantastischer Spiegelwelten, so wollte ihn Tarkowski porträtieren. Es gibt ein Szenario für den geplanten, aber nie realisierten Film. Kai Grehn hat daraus ein Hörspiel gemacht. „Hoffmanniana" beginnt in Hoffmanns Sterbezimmer. Gemeinsam mit dem Dichter reisen Freunde, Verwandte und diverse Spukgestalten ein letztes Mal in die Zauberreiche der romantischen Fantasie (Kulturradio, 3. Dezember, 22 Uhr 04).

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Auch Jon Fosses Roman „Morgen und Abend“ führt an die Grenzen des Fantastischen. Hauptfigur ist ein alter, einsamer Fischer. Seine Frau und sein bester Freund sind längst gestorben. Wie jeden Morgen will der Alte hinaus aufs Meer, aber diesmal ist alles anders. Am Kutter erwartet ihn sein toter Freund. Sie fahren ein letztes Mal hinaus. Das Sterben als träumerischer Übergang, die Meeresfahrt als letzte, große Bilanz. Der Norweger Fosse hat eine ebenso archaisch wie modern wirkende Parabel über das Thema aller Themen geschrieben, Beate Andres hat sie kongenial fürs Hörspiel bearbeitet (SWR 2, 5. Dezember, 16 Uhr 05).

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Und dann ist da noch Kantomias aus Berlin-Kreuzberg. Ein grotesker Supermann im Kampfanzug, der alten Leuten die Einkäufe besorgt und nebenbei die Welt vor digitalen Schurken rettet. Ein parodistischer Ausbund zeitgenössischer Comicfantasien, gefesselt ans allzu irdische Milieu rund um den Berliner Mariannenplatz. Das Autorentrio Plamper, Kantate und Ohm nutzt auf wirklich eindrucksvolle Weise den Slang dieser Gegend. Ihr gemeinsames Hörspiel hat gerade erst einen Preis bekommen. Wer gerne vor dem Radio lacht, sollte „Kantomias rettet die Welt“ auf keinen Fall verpassen (Deutschlandfunk, 7. Dezember, 20 Uhr 10, UKW 97,7 MHz).

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