• "Big Brother": Billig produziert, teuer verkauft - Die Sendung brachte RTL 2 Quote, Image, Aufmerksamkeit und Geld

Medien : "Big Brother": Billig produziert, teuer verkauft - Die Sendung brachte RTL 2 Quote, Image, Aufmerksamkeit und Geld

Thomas Gehringer

Wurde der begehrliche Zuschauer-Blick bislang von milchigen Wänden der Duschkabinen und schummrigem Schlafzimmerlicht getrübt, gibt es in der zweiten Staffel ab September endlich klare Sicht - "Big Brother" gönnt seiner zweiten Kandidatenschar eine Sauna, "der Jahreszeit entsprechend", fügt RTL 2-Sprecher Conrad Heberling arglos an. Ein Schuft, wer Böses dabei denkt. Oder werden dort etwa keine Kameras installiert? "Selbstverständlich!", sagt Heberling.

Immer schön im Gespräch bleiben, dieses eherne Erfolgsrezept im Fernsehgeschäft hat der Münchner Privatsender in den letzten Wochen aufs Vortrefflichste beherzigt. "Big Brother" erwies sich dabei als wahrer Segen - die tägliche Container-Serie war ein unerschöpflicher Quell von Boulevardstorys mit der richtigen Mischung aus Tratsch und Trash. Nicht zu vergessen die Entrüstungsstürme, die dem neuartigen Format bereits vor Ausstrahlungsbeginn enorme Aufmerksamkeit garantierten. Am Ende der ersten Staffel steht fest: Die schweren moralischen Geschütze, die gegen den angeblichen "Menschenzoo" aufgefahren wurden, konnten dem Erfolg von "Big Brother" rein gar nichts anhaben.

Die Kritik habe "sicher ihre Auswirkungen gehabt, aber innerhalb kürzester Zeit konnte die Werbewirtschaft nicht an diesen Zahlen vorbeigehen", sagt Conrad Heberling. Auch Berichte über angebliche Manipulationen und das harsche Vorgehen der Produktionsfirma Endemol gegen Fan-Seiten im Internet schadeten nicht sonderlich. Mit rund 50 Millionen Mark Werbe-Einnahmen wird allein die erste Staffel von "Big Brother" knapp ein Zehntel des gesamten Umsatzes von RTL 2 im Jahr 1999 einspielen - das allein zählt. Angesichts der beachtlichen Einschaltquoten (bis zu 4,7 Millionen Zuschauer) konnte der Sender, an dem Europas größter Rundfunkkonzern CLT-Ufa (dahinter stehen Bertelsmann und die belgische Audiofina), der Heinrich Bauer Verlag und Herbert Kloibers Tele München maßgeblich beteiligt sind, zum 20. Mai die Preise für einen 30-Sekunden-Spot von 16 258 auf 20 010 Euro erhöhen. Bei der Abschluss-Show lagen die teuersten Spots sogar bei 34 350 Euro. In der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen kletterte der Marktanteil des im April auf bisher nie erreichte 8,3 Prozent - mit steigender Tendenz.

RTL 2 habe sich in der ersten TV-Liga etabliert, jubelte bereits Geschäftsführer Josef Andorfer. Darüber lässt sich zwar streiten; schließlich liegt man bei der gesamten Zuschauerzahl (ab 3 Jahre) im Mai mit 5,7 Prozent nur knapp vor Kabel 1 (5,6 Prozent) auf Rang sieben. Doch diese Statistik gilt bei Privatsendern allenfalls als "nicht relevanter Schönheitswettbewerb", wie sich RTL-Chef Gerhard Zeiler kürzlich ausdrückte. Viel lieber zieht der kleine Münchner Bruder die Statistik der 14- bis 29-Jährigen hervor: Hier erreichte "Big Brother" regelmäßig Marktanteile an die 40 Prozent. Ein echter Volltreffer; denn so wie sein Publikum möchte auch RTL 2 sein: "jung, spaßorientiert und den Trend der Zeit erfassend" (Heberling). Also eine Art Heimatkanal für die deutsche Spaßgesellschaft - tagsüber Comics für die Kids und Serien, abends Spielfilme und "Big Brother", und zum Ausklang beeindruckend niveaulose Beiträge rund um Busen und Ballermann.

Doch das Schmuddel-Image stört nicht mehr sonderlich, Erfolg ist eben anziehend: FDP-Stehaufmännchen Jürgen Möllemann machte "Big Brother" im nordrhein-westfälischen Wahlkampf seine Aufwartung - und, siehe da, gewann. Trotz des jüngsten Aufschwungs hat RTL 2 allerdings sein ursprüngliches Unternehmensziel verfehlt. "Unser Ziel ist es, nach drei Jahren den Kampf mit Pro 7, der Nummer drei, aufzunehmen", kündigte der RTL 2-Geschäftsführer kurz nach dem Sendestart im März 1993 an. Der Mann hieß übrigens Gerhard Zeiler und wechselte nach einem Zwischenspiel in seiner österreichischen Heimat als Nachfolger von Helmut Thoma zu Marktführer RTL. Dort darf er als echtes Familienoberhaupt handeln: Während Konkurrent Sat 1 gerade seine Kandidaten für das "Inselduell" (ab 3. Juli) ins Flugzeug gesetzt hat, springt RTL einfach auf den fahrenden Zug auf und zeigt in der nächsten "Big-Brother"-Staffel den Einzug der Kandidaten sowie jeden Sonnabend eine zweistündige Studio-Show. Dieser Teil-Abzug schmerze nicht, beteuert RTL 2-Sprecher Heberling: "Wir erreichen dadurch ein wesentlich breiteres Publikum."

Bemerkenswert ist neben der Wandlung eines schlichten Gemüts wie Zlatko zum Kultstar vor allem der Triumph von "Big Brother" im Internet. Dort ließ sich das Treiben im Container rund um die Uhr beobachten, was dazu führte, dass die Websites in drei Monaten 180 Millionen Mal angeklickt wurden. Keiner Fernsehsendung ist es bisher gelungen, so viele Zuschauer ins Internet weiterzuleiten. Da liegt es nahe, beide Medien in der nächsten Staffel stärker miteinander zu verknüpfen. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, doch den Kandidaten ist zu wünschen, dass sie wenigstens die Temperatur in ihrer Sauna noch selbst regulieren können.

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