Medien : "Big Brother": Fernsehen als Puppenstube

Herr Kogel["Big Brother" war ein spektakulär]

Fred Kogel, 39, ist seit 1995 Programmgeschäftsführer von Sat 1. Am 1. November wechselt er in den Aufsichtsrat der Pro 7Sat 1Media AG - "eine Geschichte, die nur nebenher läuft", wie Kogel sagt. Über seinen nächsten Arbeitsplatz hat er noch nicht entschieden. Selbstständig machen will er sich nicht, sondern "in einer neuen Struktur Kreatives und Geschäftliches verbinden".

Herr Kogel, "Big Brother" war ein spektakulärer Erfolg, Sat 1 versucht sich jetzt mit "Inselduell" im gleichen Genre. Warum funktioniert dieses Fernsehen?

Es ist so etwas wie eine Puppenstube für Erwachsene. Man kann den kompletten Alltag beobachten, und es strengt einen nicht groß an. Und natürlich hat man durch das Rauswählen einzelner Kandidaten auch die Möglichkeit, die Puppen zu versetzen. Das ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor von "Big Brother". Als Zuschauer bist du ein Machtfaktor. Und bei den jüngeren Zuschauern, den "Bravo"-Lesern, kommt noch dazu, dass sie ständig auf der Suche nach neuen Helden sind.

Sie tun so, als wäre es schon immer klar gewesen, dass "Big Brother" funktioniert. Warum hat Sat 1 dann nicht das Format eingekauft?

John de Mol hat dieses Format wie Sauerbier angeboten. Ich habe heute noch eine Probekassette im Regal. Ich hätte es eigentlich gern gemacht, aber bei uns als großem Privatsender hätte es nicht funktioniert. Wir hätten noch größere Schwierigkeiten mit der Medienaufsicht gehabt als RTL 2. Dieser Sender hatte dank "Peep" und den heißen Telefonummern schon ein gewisses Image. Dort hat man so ein Format leichter akzeptiert, als wenn wir als Familiensender damit angefangen hätten.

Was ist das Erfolgsgeheimnis von "Big Brother"? Nur die Tatsache, dass man statt Schauspielern plötzlich echte Proleten vor die Kamera zerrt?

Der Erfolg von "Big Brother" hat nicht nur mit der Trivialisierung des Fernsehens zu tun. Das hatten wir in den Talk- und Gameshows auch schon. Möglicherweise hängt es mit einer völlig neuen Einstellung des Zuschauers zum Medium Fernsehen zusammen. Ich werde jetzt 40 und für mich ist Fernsehen immer etwas Besonderes gewesen. Meine Generation ist mit der Einstellung groß geworden, dass man sich einmal die Woche am Abend vor den Fernseher setzt und dann etwas Anständiges, Lehrreiches, Unterhaltendes geboten bekommt. Das war bei den Privaten und auch im Öffentlich-Rechtlichen mehr oder weniger gleich. "Big Brother" zeigt den Wandel des Fernsehens zum absoluten Begleitmedium: Fernsehen läuft immer. Es ist reiner Konsum. Wichtig ist dann nur, dass irgendetwas möglichst Entspannendes läuft. Im Gegensatz zur fiktionalen Reizüberflutung, wo du jeden Arzt, jeden Kommissar dieser Welt schon gesehen hast, hat man hier das Einfache. Sich vor dem Fernsehen nicht konzentrieren müssen, das boomt jetzt.

Das heißt, es ist besser als jede Talkshow?

"Big Brother" ist der Transport des Talkshowphänomens in den Vorabend. Für den Erfolg von "Big Brother" wird die dritte Staffel entscheidend sein. Die zweite, da bin ich mir sicher, wird noch boomen. Aber bei der dritten sind wir das schon gewohnt. Ich glaube, dass sich dieses Format in den Vorabend verlagern wird, wenn es Erfolg haben will.

Wird es die Talkshows ablösen?

Ich glaube nicht, dass es die Talkshows ablösen wird. Aber es wird sie ergänzen.

Fernsehen als Nebenbei-Zuschauen. Da kann man auch Fische im Aquarium abfilmen, um Quote zu machen?

Ja. Und wenn die Fische sprechen könnten und sie noch einen Hecht mit hinein werfen, hätten wir bereits wieder ein optimiertes "Big Brother". Die Frage ist nur, wie lange wird sich dieses Phänomen halten und wie viele Sender werden mitziehen?

Am Höhepunkt des "Big Brother"-Hype gab es helle Aufregung, weil angeblich die Regie stark eingegriffen hat ins wahre Leben.

Ich glaube, ich bin nicht der geeignete Gesprächspartner für solche Themen. Ich bin fünf Jahre für "Wetten, dass ... ?" durch Deutschland getingelt und habe mir Wetten angeschaut - und mal ehrlich: Der Autostunt vom Bauern in der Scheune war bei weitem nicht so spektakulär wie dann in der Sendung. Was meinen Sie, was wir daraus gemacht haben? Dinge im alltäglichen Leben sind oft nicht so spektakulär wie dann im Fernsehen. Dem "Big Brother"-Zuschauer ist es letztlich egal, ob die Sache manipuliert ist oder nicht. Die schauen sich das an, weil sie Spaß haben. Mir ist das in jedem Fall sympathischer als das Notariatsprinzip, von dem wir Deutsche ursprünglich herkamen. Da wird ständig nachgemessen, ob sich der Kandidat denn nicht zu weit nach vorne gebeugt hat. Aber selbst in der Spaßkultur geht nicht jedes "Big Brother"-Format. Ich habe mir die Derivate wie der "Bus" oder "Gefesselt" angesehen. Die sind nicht wirklich gut und nicht auf den Punkt gebracht. Unsere Variante von "Big Brother" wird vom Grundprinzip wenig abweichen. Du sperrst eine gewisse Anzahl von Menschen für einen gewissen Zeitraum ein. Das ist auch bei uns so. Nur werden bei uns andere Zielgruppen eingesperrt. Und sie haben durch das, was sie tun müssen, einen ganz festen Tagesplan. Sie werden nicht Holz hacken oder sich mehr oder weniger intellektuell unterhalten müssen, damit etwas passiert.

Wie weit kann man in diesem Format gehen? "Big Brother"-Produzent John de Mol sagte in einem "Spiegel"-Interview, er könnte im Fernsehen sogar russisches Roulette spielen lassen und würde Quote machen.

Theoretisch hat John da recht. Wenn der Geldbetrag stimmt, würden sie für alles Kandidaten finden.

Dann inhaltlich: Wie weit kann man gehen? Wenn beim Inselduell sich jemand ein Bein bricht - würden Sie das senden? Oder würde sich die öffentliche Meinung gegen das Projekt wenden?

Ich glaube nicht. Wichtig ist immer, dass die gestellte Aufgabe einen möglichst realen Bezug zum Leben hat. Zum Beispiel springen jede Woche Tausende mit dem Bungee-Seil. Das ist eine Situation, die jeder Freizeitsportler kennt. Das senden wir. Jeder Sender hat schon 100 Menschen in Badewannen voll von ekligen Würmern gesetzt und von Brücken springen lassen. Sogar auf Flugzeuge hat man sie schon geschnallt und mit ihnen einen Looping gemacht - was übrigens relativ ungefährlich ist. Diese ganzen scheinbar spektakulären Geschichten kennt man. Jetzt kommt etwas anderes.

So wie zum Beispiel die Quizshows, der andere Trend im deutschen Fernsehen?

Ja.

Warum funktioniert dieses uralte Genre plötzlich wieder so gut?

Erstens, weil sie endlich mit Lichteffekten und Musik arbeiten, also Spannungselemente aus dem fiktionalen Bereich einbauen. Das eigentliche Erfolgsgeheimnis des Revivals ist aber das Multiple-Choice-System. Jeder kann zu Hause mitraten. Selbst wenn er gar nichts weiß, er sitzt zu Hause, hat vier Möglichkeiten, sagt irgendetwas und ist im Zweifelsfall vor seiner Frau der Held, obwohl er eigentlich null Ahnung hat.

Entdeckt das deutsche Fernsehen wieder die Langsamkeit?

Stimmt. Es ist die Rückbesinnung auf alte Traditionen. Ich selbst habe ja immer MTV-artige schnelle Schnitte gefordert. Das war für eine gewisse Zeit richtig, jetzt muss man das aber wieder überdenken. Beides hat seine Berechtigung.

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